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Viele Tote bei Überfall in Kabul
Taliban greifen Familienhotel an
Für viele Afghanen ein romantischer Rückzugsort am Rande Kabuls, für die Taliban ein Ort der Sünde: Vier Angreifer haben ein Hotel gestürmt, Geiseln genommen und sich ein Feuergefecht mit Sicherheitskräften geliefert. 19 Menschen kamen ums Leben, 15 davon sollen Zivilisten gewesen sein.
Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Südasien
Einen der romantischsten Orte am Stadtrand Kabuls überhaupt verwandelten die Taliban in ein Schlachtfeld: Direkt an einem See, am Rande einer malerischen Hügelkette, liegt das Hotel, das die Extremisten überfielen. Zwölf Stunden lang störten das Rattern von Maschinen-Gewehren und das Dröhnen von Helikoptern das Idyll.
Die Begründung der Extremisten für das Blutvergießen lautete: Dies sei ein Ort der Sünde, an dem reiche Afghanen und Ausländer wilde Partys feiern würden. Der afghanische Politikexperte Waheed Massoud nennt das fadenscheinig. Es gehe den Taliban vor allem darum, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und in der afghanischen Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. "Ich bin oft an dem Ort gewesen", sagt Massoud. "Meist waren die Restaurants dort bevölkert von Familien. Von Frauen und Kindern. Die Menschen gehen da hin, um sich zu erholen."
Taliban greifen Zivilisten in einem Hotel an
K. Küstner, ARD Neu-Delhi
22.06.2012 17:28 Uhr
Überraschungsangriff von vier Taliban
Vier Angreifer stürmten - schwer bewaffnet - kurz vor Mitternacht das Gebäude, nahmen Geiseln, lieferten sich stundenlange Feuergefechte mit den Sicherheitskräften. Kaum jemand dürfte damit gerechnet haben, dass die Extremisten sich ausgerechnet dieses Ziel vor den Toren Kabuls aussuchen würden.
"Ich war gerade bei der Arbeit in der Bäckerei, als das mit den Schüssen losging", sagt ein junger Bäcker. "Es war spät, meine Kollegen wollten schon schlafen, dann war da auf einmal Geweherfeuer um uns herum", erzählt er verunsichert, weil die Kämpfe noch in vollem Gange sind, als er von seinen Erlebnissen berichtet.
Nach insgesamt zwölf Stunden dann die erlösende Mitteilung aus dem Innenministerium: Der Angriff sei niedergeschlagen worden. Doch bis dahin hatten die Taliban schon viele Unschuldige getötet.
Fast ausschließlich Zivilisten betroffen
"Bei dieser Attacke waren mehr Zivilisten vor Ort als bei jeder vorherigen", sagt Massoud. "Bei einem der früheren Angriffe im Zentrum der Stadt hatten die Taliban praktisch das Gebäude geleert, um von da aus ihren Angriff auf den Präsidentenpalast und Ministerien zu starten. Hier handelte es sich im Grunde ausschließlich um Zivilisten. Es ist ein Restaurant für Zivilisten und wurde auch dafür genutzt."
Zahlreiche Tote bei Taliban-Angriff auf Hotel nahe Kabul
tagesschau 20:00 Uhr, 22.06.2012, Jürgen Osterhage, ARD Neu-Delhi
Die Extremisten hatten sich für ihren Überfall also diesmal ein sogenanntes weiches, leicht angreifbares Ziel ausgesucht. Eine Journalistin aus der Schweiz, die kurz vor der Attacke noch vor Ort war und dort zu Abend aß, berichtete dem ARD-Hörfunkstudio Südasien, Sicherheitskontrollen habe es kaum gegeben. Freitag ist traditionell Feiertag. Deshalb hätten sich in dem Restaurant viele Familien versammelt, bevor der Angriff erfolgte. Von einer Party, wie die Taliban behaupten, könne keine Rede gewesen sein. Und sie sei außerdem die einzige Ausländerin dort gewesen.
Stand: 22.06.2012 17:52 Uhr
