Sima Samar (Bildquelle: Sandra Petersmann)

Sima Samar an die Deutschen "Afghanistan braucht Sie"

Stand: 26.12.2015 02:29 Uhr

Die Menschenrechtlerin Sima Samar wendet sich zum Abschluss des "Afghanischen Tagebuchs" noch einmal direkt an die Deutschen. Und bittet, wie bereits vor zwei Jahren: "Lassen Sie uns nicht im Stich!" Denn noch immer werden in Afghanistan oft die Menschenrechte mit Füßen getreten.

Liebes Publikum in Deutschland,

das Afghanische Tagebuch hat vor zwei Jahren mit einem Brief von mir begonnen, in dem ich Sie um Ihre Hilfe bat. Ich möchte meine Bitte erneuern.

Afghanistan erlebt seit 38 Jahren Krieg und Gewalt. Es wurden und werden schwere Menschenrechtsverletzungen begangen - von verschiedenen Kriegsparteien, die sich nicht für ihre  Verbrechen verantworten müssen. Den Opfern widerfährt keine Gerechtigkeit.

Nach dem Sturz des Taliban-Regimes haben wir mit ihrer Hilfe beachtliche Fortschritte gemacht. Heute wissen viele Menschen in Afghanistan, dass sie Menschenrechte haben. Sie reden über Menschenrechte, auch wenn sie ihnen verwehrt werden.

Viele Afghanen kämpfen jeden Tag um fundamentale Menschenrechte. Der Konflikt schränkt ihren Raum und ihre Freiheit ein, die Gewalt schneidet sie von Nahrung, Bildung, Arbeit und gesundheitlicher Versorgung ab.

Die Zahl der Menschen, die ihre Heimat verlassen, um an Ihre Tür zu klopfen, zeigt die Realität der Menschenrechte in Afghanistan.

Wir danken der internationalen Gemeinschaft und vor allem den Menschen in Deutschland für ihre Unterstützung. Wir sind weiter von Ihrer Hilfe abhängig. Wir brauchen Ihre Hilfe, um Afghanistan langfristig in ein besseres Land zu verwandeln. Ihre Hilfe für die Menschen in Afghanistan ist gleichzeitig eine Investition in den weltweiten Frieden und in die Sicherheit Ihres Landes.

Krieg ist nicht die Lösung. Ich möchte Ihrer Regierung ein paar Vorschläge machen.

- Investieren Sie in Bildung. Es geht nicht um massenhaft neue Schulen. Investieren Sie in die Qualität der Bildung. Bildung ist der Schlüssel zu einem demokratischen Verständnis.
- Investieren Sie in Afghanistans wirtschaftliche Entwicklung, um die Armut zu reduzieren. Armut ist ein starker Antrieb zur Waffe zu greifen.
- Investieren Sie in Frauen. Frauen können den Wandel fördern. Afghanistans Krieg ist eine Männersache. Respekt vor Religion und Tradition darf nicht dafür sorgen, dass Frauen die Teilnahme an der Macht verweigert wird.
- Die Menschenrechte gelten universal. Sie müssen weltweit geschützt und eingefordert werden. Verzichten Sie in Ihrer Politik auf doppelte Standards im Umgang mit Staaten und Machthabern. 
- Fördern Sie Rechtstaatlichkeit und gute Regierungsführung. Nur so kann das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung wachsen.
- Gerechtigkeit ist ein Kernelement der Demokratie. Gerechtigkeit einfordern zu können ist ein Menschenrecht. Die Kultur der Straflosigkeit muss aufhören. Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Einsatz sexueller Gewalt im Krieg müssen strafrechtlich verfolgt werden.
- Die internationale Strafgerichtsbarkeit sollte mehr finanzielle und vor allem politische Unterstützung bekommen, damit Opfer Gerechtigkeit erleben. Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Kultur der Straflosigkeit zu beenden.

Ich möchte mich bei der ARD für die Chance bedanken, den Opfern von Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan eine Stimme geben zu können. Das afghanische Volk verdient ein Leben in Freiheit und Würde.

Mit den besten Wünschen,

Sima Samar

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