Die zerstörte Mauer des Polizeihauptquartiers in Kundus. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Folgen der Taliban-Attacke "Wir zahlen einen hohen Preis für Kundus"

Stand: 02.10.2015 15:23 Uhr

Die Taliban haben mit Kundus für einige Tage eine Provinzhauptstadt in Afghanistan erobern können. Das werde das Land unter Druck setzen, weil es das Vertrauen der Menschen erschüttert hat, meint Menschenrechtlerin Sima Samar.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

"Es wird immer schwieriger", sagt Sima Samar in ihrem zur Festung ausgebauten Büro in Kabul. Sie ist die Vorsitzende der Afghanischen Menschenrechtskommission. Die schwere, braune Bürotür aus dickem Metall dient gleichzeitig als Schutzwall vor Sprengstoffanschlägen. Samar meint:

"Wir zahlen einen sehr hohen Preis für den Fall von Kundus, das setzt das ganze Land unter Druck. Wir können die ganze Dimension noch gar nicht erfassen, den Angstfaktor! Und wenn die Menschen erst das Vertrauen in den Staat und in die Sicherheitskräfte verlieren, ist es unendlich schwer, das Vertrauen zurückzugewinnen."

"Hier habt ihr eine Identität"

Sima Samar (Bildquelle: Sandra Petersmann)
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Sima Samar war 20 Jahre lang ein Flüchtling - in Pakistan.

14 Jahre nach dem Sturz ihres fundamentalistischen Regimes haben die Taliban zum ersten Mal eine Provinzhauptstadt erobern können - wenn auch nur für ein paar Tage. Sie haben getötet, misshandelt und geplündert. Das nährt die Angst der Menschen. Der Leidensdruck wächst. Die Arbeitslosigkeit ist ohnehin hoch. Es gibt nicht genug Studienplätze. Gerade die jungen Menschen treibt ein starkes Gefühl von Perspektivlosigkeit in die Flucht. Die meisten wollen nach Deutschland.

Samar war selber ein Flüchtling - fast 20 Jahre lang in Pakistan. Sie warnt trotz der Gewalt vor der lebensgefährlichen Reise Richtung Europa. "Ohne die Jugend ist kein Staatsaufbau möglich", sagt sie. Samar hat sich geschworen, ihre Heimat nie wieder zu verlassen:

"Es ist sehr schwer, seine Identität zu verlieren. Das Leben als Flüchtling ist furchtbar. Ich sage den jungen Leuten: Wir gehen durch eine sehr schwierige Zeit. Aber Afghanistan ist eure Heimat. Hier sprecht ihr die Sprache. Hier habt ihr eine Identität."

Zur Festung ausgebaute Büros

Auch das Büro von Habibullah Fawzi ist zur Festung ausgebaut. Fawzi ist ein Ex-Taliban. Als Mullah Omar Afghanistan noch regierte, war Fawzi sein Botschafter in Saudi-Arabien. Doch nach dem Sturz des Regimes wechselte er die Seite. Heute gehört Fawzi zum Hohen Friedensrat. Dieses Gremium schuf Ex-Präsident Hamid Karsai, um mit den Taliban zu verhandeln. Fawzi sagt:

"Der Fall von Kundus ist keine gute Nachricht. Aber die Taliban sind nicht das einzige Problem. In Afghanistan mischen viele Kräfte aus vielen Ländern mit, deren Ziel es offenbar ist, die Gewalt in Afghanistan fortzusetzen. Und wenn das das Ziel ist, dann können wir die Taliban nicht alleine verantwortlich machen."

Der ehemalige Taliban Habibullah Fawzi
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Die Taliban sind nicht das einzige Problem in Afghanistan, meint Habibullah Fawzi.

Fawzi, der Ex-Taliban, fragt sich, warum in der Vergangenheit so viele Möglichkeiten ausgelassen wurden, zu verhandeln: "Wenn du den Taliban und ihren Familien keine Garantien gibst, dass sie friedlich in Afghanistan leben können, was erwartest du dann? Es sind Taliban zurückgekommen, man machte ihnen Versprechen, und dann landeten sie in den Gefängnissen der ausländischen Truppen."

Kein Weg führt an Verhandlungen vorbei

Trotz des Sturms von Kundus führt kein Weg an Verhandlungen vorbei, sagt der ehemalige Botschafter des Taliban-Regimes. "Das ist der einzige Weg. Es gibt keinen anderen. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir verhandeln. Wenn es uns nicht gelingt, die Taliban in den politischen Prozess einzubinden, können wir das Problem nicht lösen."

Seiner Meinung nach ist gerade die Bundesrepublik in der Lage, die Rolle eines Vermittlers zu übernehmen. Er verweist auf die jahrzehntelange deutsch-afghanische Freundschaft.     

Kundus und die Folgen - ein Fall mit Symbolwirkung
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
02.10.2015 14:11 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 02. Oktober 2015 um 15:25 Uhr auf InfoRadio

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