Die zerstörte Mauer des Polizeihauptquartiers in Kundus. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Menschenrechtlerin Sima Samar Tränen um eine gefallene Stadt

Stand: 04.01.2016 17:12 Uhr

Seit etwa zwei Wochen toben die Kämpfe in Kundus. Kurz nachdem die Gefechte begannen, traf ARD-Korrespondentin Sandra Petersmann in Kabul die Menschenrechtlerin Sima Samar. Es wurde ein Interview über Tage - voller Angst und Tränen um die Heimat.

Ich treffe Sima Samar am 30. September 2015 um neun Uhr morgens in ihrem Büro. Wir haben uns verabredet, um über den Exodus junger Afghanen Richtung Europa zu sprechen. Warum fliehen gerade jetzt so viele Menschen aus Afghanistan? Das sollte die Leitfrage meiner jüngsten Reise nach Kabul sein.

Die Tränen der Optimistin

Sima Samar
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Selbst Sima Samar, die sich geschworen hat, das Leben der Menschen in Afghanistan zu verbessern, sagt: "Es wird immer schlimmer"

Doch es kommt anders. Als ich Sima Samar in ihrem zur Festung ausgebauten Büro in der afghanischen Menschenrechtskommission treffe, geht der Sturm der Taliban auf Kundus in den dritten Tag. Der Schock sitzt tief, auch bei der sonst so unerschütterlichen Optimistin Sima Samar, die so gerne laut lacht. "Es wird immer schlimmer", sagt sie an diesem Tag leise und kämpft mit den Tränen. "Ich weine öfter, aber niemals öffentlich. Ich will nicht vor dir weinen." Es bleibt beim Vorsatz. Die Nachrichten aus Kundus, das Blutvergießen, die Not der Menschen, die tausendfache Flucht - die Vorsitzende der afghanischen Menschenrechts-Kommission kann die Tränen nicht zurückhalten. Es bricht aus ihr heraus. Ihr liegen erste Berichte vor, dass die Taliban in Kundus gezielt Jagd auf Regierungsmitarbeiter machen und sie hinrichten. Die Islamisten haben zum ersten Mal seit dem Sturz ihres Regimes vor 14 Jahren eine Provinzhauptstadt erobert.

Der Preis für den Fall von Kundus

"Wir zahlen einen hohen Preis für den Fall von Kundus, auch wenn wir jetzt noch gar nicht absehen können, wie viele Menschen ihr Leben verlieren werden. Der Fall von Kundus setzt das ganze Land unter Druck. Wir wissen, dass Menschen getötet werden, die für den Staat arbeiten. Aber das sind Zivilisten. Zivilisten verdienen Schutz. Wir reden hier über Ärzte, Krankenschwestern, über Richter, Staatsanwälte und Lehrer", sagt Sima Samar. Dann kann sie nicht weiterreden. Wir müssen unser Gespräch unterbrechen.

Taliban-Kämpfer auf einer Straße in Kundus | Bildquelle: REUTERS
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Machen Jagd auf Zivilisten: Taliban in Kundus

Einen Tag später, am 1. Oktober 2015, meldet die afghanische Regierung mehrfach, dass Kundus zurückerobert sei. Es ist eine vorschnelle und falsche Erfolgsmeldung. Ich schreibe diesen Text am 7. Oktober. In Kundus fließt noch immer Blut. Von einer vollständigen Rückeroberung kann keine Rede sein. Bis heute kennen wir die Zahl der Opfer nicht. Immer mehr Menschen fliehen aus Kundus. "Wenn die Menschen erst mal das Vertrauen in den Staat und in die Sicherheitskräfte verlieren, ist es unendlich schwer, es zurückzugewinnen", sagt Sima Samar. Tatsächlich entblößt der überfallartige Sturm der Taliban auf Kundus vor allem eins: die Schwäche des afghanischen Staates, dessen politische Eliten intern um die Macht ringen, während die Taliban immer tiefer in das Machtvakuum vorstoßen.

Die Zivilisten sind in diesem Machtspiel mit unklaren Fronten gefangen. Neben den Taliban greifen auch die alten Kriegsfürsten und ihre Milizen verstärkt zu den Waffen - während Präsident Ashraf Ghani und Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah fast unsichtbar bleiben. Wer weiß: Wäre Kundus tatsächlich am vierten Tag zurückerobert worden, hätte es den tödlichen Angriff auf das Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen vielleicht niemals gegeben.

US-Luftangriff trifft Trauma-Krankenhaus

Bombardierte Klinik von "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus | Bildquelle: dpa
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Ein Kriegsverbrechen? Die bombardierte Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus.

Wäre. Hätte. Die USA greifen mehrfach aus der Luft und mit Spezialeinheiten am Boden in den Kampf um Kundus ein, weil die afghanischen Sicherheitskräfte in Bedrängnis sind. Bomben treffen auch die Trauma-Klinik der Ärzte ohne Grenzen in Kundus. 22 Menschen verlieren durch den nächtlichen US-Luftangriff am 3. Oktober ihr Leben: Zwölf Mitarbeiter Hilfsorganisation und zehn Patienten, die zum Teil in ihren Betten verbrennen. Es folgt ein tagelanger Schlingerkurs der Militärs. Mal ist von umherfliegenden Schrappnell-Splittern die Rede. Mal davon, dass sich schießende Taliban-Kämpfer in der Klinik verschanzt hätten. Es fällt das Wort "Kollateralschaden", Sätze beginnen oft mit "möglicherweise". Die Militärsprache ist nackt und klingt unmenschlich. Aber seien wir alle ganz ehrlich: Wenn es das Haus einer anonymen, afghanischen Familie in einem entlegenen Dorf im Süden Afghanistans getroffen hätte, wäre unsere Empörung vermutlich nicht so groß. Auch das ist ein schrecklicher Gedanke, der zum Innehalten zwingt. Die Sprengkörper haben für alle sichtbar eine weltbekannte und unverzichtbare Hilfsorganisation getroffen.

Ein mutmaßliches Kriegsverbrechen

In Washington sagt US-General John Campbell schließlich am 6. Oktober vor dem Verteidigungssauschuss des Senats, dass die Klinik "fälschlicherweise getroffen" worden sei. Die Afghanen hätten um Luftunterstützung gebeten, die Amerikaner hätten den Befehl zum Beschuss gegeben. Die Entscheidung sei in der US-Befehlskette gefallen. "Wir würden niemals absichtlich eine geschützte medizinische Einrichtung anvisieren", betont Campbell. Doch alle Kernfragen bleiben offen: Warum wurde die Klinik angegriffen, die Amerikanern und Afghanen bekannt war? Wer gab die Koordinaten für den Angriff? Warum wurde der Angriff nicht sofort gestoppt? Überlebende Mitarbeiter und Patienten sprechen bis heute übereinstimmend von einem gezielten Beschuss, der auch nach telefonischen Hilferufen an die Afghanen und Amerikaner noch mehr als eine halbe Stunde angedauert habe. Wie ist so etwas möglich? Ärzte ohne Grenzen bestreitet auch, dass Bewaffnete auf dem Klinikgelände waren.

Aufklärung und Transparenz

General Campbell bleibt vor dem Senatsausschuss schmallippig. Er sichert Aufklärung zu. Doch passen Krieg und Transparenz zusammen? Es hat in den vergangenen Jahren so viele unaufgeklärte "Kollateralschäden" in Afghanistan gegeben. Kollateralschaden - was für ein menschenverachtendes Wort. Ärzte ohne Grenzen fordert eine unabhängige Untersuchung nach den Regeln der Genfer Konvention. Die Organisation wirft den Verantwortlichen ein Kriegsverbrechen vor. Die Ermittlungen müssten von der dafür zuständigen Humanitären Untersuchungskommission durchgeführt werden, erklärt Präsidentin Dr. Joanne Liu am 7. Oktober in Genf. Auch nach einer persönlichen Entschuldigung von Präsident Barack Obama beharrt die Hilfsorganisation auf ihrer Forderung. Es geht um Gerechtigkeit und Verantwortung. Die Opfer verdienen ehrliche Antworten auf quälende Fragen. Während ich diese Sätze schreibe, wird in Kundus weiter gekämpft. Die Ärzte ohne Grenzen haben die Stadt verlassen. Ihre Klinik ist ausgebrannt. Es ist keine Hilfsorganisation mehr in der Stadt.

Simas böse Vorahnung

In der Rückschau wirkt Sima Samars tränenerstickter Zusammenbruch am 30. September wie eine böse Vorahnung: "Wir zahlen einen hohen Preis für den Fall von Kundus, auch wenn wir jetzt noch gar nicht absehen können, wie viele Menschen ihr Leben verlieren werden. Der Fall von Kundus setzt das ganze Land unter Druck." Wer kann, flieht in diesen Tagen aus Kundus. In die Nachbarprovinzen oder nach Kabul. Doch Kundus ist nicht der einzige Ort, an dem gekämpft wird. Der afghanische Leidensdruck ist auch in Deutschland deutlich zu spüren. Fast täglich kommen neue Flüchtlinge aus Afghanistan an - diejenigen, die die lebensgefährliche Reise über den Iran, die Türkei, Griechenland und den Balkan bis ins sichere Deutschland überleben. "Du denkst an deine eigenen Kinder, es ist schwer", flüstert Sima Samar, als ich sie bitte, den Exodus zu erklären.

Der Sog der Perspektivlosigkeit

Die Afghanen waren fast 30 Jahre lang die größte Flüchtlingsgruppe der Welt. Heute sind sie hinter den Syrern die zweitgrößte. Täglich beantragen derzeit rund 8000 Afghanen in Kabul einen Reisepass, jeden Tag verlassen Hunderte das Land ohne Papiere. Die meisten wollen nach Deutschland oder Schweden. Viele sind jung, gut gebildet und stammen aus vergleichsweise wohlhabenden Familien. Die Armen haben kein Geld für die Schlepper. "Unsere klügsten Köpfe verlieren das Vertrauen", sagt Sima Samar. Die Menschen haben Angst. Sie finden keine Arbeit oder keinen Studienplatz. Eltern können ihre Kinder wegen der anhaltenden Gewalt nicht zur Schule schicken. Die wachsende Perspektivlosigkeit, die viele empfinden, spiegelt sich im Exodus wider. "Der Sog wird größer, je mehr Menschen das Land verlassen."

Eine Frage der Identität

Sima Samar, eine studierte Ärztin, war selber ein Flüchtling - rund 20 Jahre lang. In Pakistan. Heute warnt sie trotz der Gewalt vor der lebensgefährlichen Reise Richtung Europa. Auch sie kennt viele Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. "Ohne unsere Jugend ist kein Staatsaufbau möglich", sagt sie. Die 58-jährige Menschenrechtlerin hat sich geschworen, ihre Heimat nie wieder zu verlassen. "Es ist sehr schwer, seine Identität zu verlieren. Das Leben als Flüchtling ist furchtbar. Ich möchte den jungen Menschen in meinem Land sagen: Wir gehen durch eine sehr schwierige, furchtbare Zeit. Aber wir brauchen euch. Afghanistan ist eure Heimat. Hier sprecht ihr die Sprache. Hier sind eure Wurzeln. Hier habt Ihr eine Identität. Hier ertrinkt ihr nicht im Meer."

Das unbekannte Grab

Kaum hat sie das gesagt, bricht sie erneut in Tränen aus. Ihre Hände zittern. Ich breche das Interview ab. Doch Sima will noch etwas sagen. Sie hat ihren Mann in den frühen afghanischen Kriegswirren vor über 30 Jahren verloren. Sie weiß bis heute nicht, was mit ihm passiert ist. Es gibt keinen Ort zum Trauern. "Ich möchte den jungen Menschen auch sagen: Selbst wenn ihr hier euer Leben verliert, sterbt ihr in eurem Land. Eure Eltern und Verwandten und Freunde wüssten, wo euer Grab ist. Es ist sehr schwer jemanden zu verlieren und kein Grab und keine Antworten zu haben."

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