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Lage in Afghanistan
UN-Gesandter kündigt neue Friedensinitiative an
Wenn die NATO in zwei Jahren abzieht, versinkt Afghanistan im Chaos - fürchten Skeptiker. Der UN-Sondergesandte Kubis will das mit Hilfe einer neue Friedensinitiative unter dem Dach der UNO verhindern. "Jetzt schlägt die Stunde der Vereinten Nationen" so Kubis im Interview mit dem ARD-Hörfunkstudio Südasien.
Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Südasien
Jan Kubis ist schon der sechste Sondergesandte der Vereinten Nationen seit Beginn der internationalen Afghanistan-Intervention im Oktober 2001. Und alle sechs UN-Männer hatten in Kabul das gleiche Problem. "In den vergangenen elf Jahren hat das Militär die internationale Präsenz hier dominiert. Natürlich sind auch viele Milliarden an ziviler Hilfe nach Afghanistan geflossen, aber ein Großteil davon durch bilaterale Kanäle, weil die Hilfe direkt an den militärischen Beitrag des jeweiligen Geberlandes gekoppelt war. Das war nicht gut organisiert und nicht gut koordiniert."
Die UNO in Afghanistan sichtbar machen
Und genau das will der Slowake Kubis ändern. Er ist seit Januar im Amt und formuliert sein Ziel klar: Er will die UNO in Afghanistan wieder als neutrale, verlässliche Kraft sichtbar machen. "Ich gehe fest davon aus, dass die Vereinten Nationen nach 2014 eine sehr wichtige Rolle spielen werden", sagt er. "Dann können wir wieder sichtbar werden als eine zivile, humanitäre Organisation, die soziale und politische Prozesse unterstützt. Wir werden nicht mehr untergehen in dem sehr unscharfen und komplexen Bild der internationalen Staatengemeinschaft, das von der militärischen Präsenz dominiert wird."
Die körperlichen Voraussetzungen für eine sichtbare Präsenz in Afghanistan bringt der Sondergesandte ohne Zweifel mit. Kubis ist ein Hüne von einem Mann mit breiten Schultern und Bass-Stimme. Das will er nutzen - für eine neue afghanische Friedensinitiative unter dem Dach der UNO. "Jetzt schlägt die Stunde der Vereinten Nationen. Wir wollen als neutrale und anerkannte Plattform dafür sorgen, dass die Afghanen miteinander über ihre Zukunft sprechen. Wir haben einen Fahrplan für einen inter-afghanischen Dialog entwickelt, an dem alle relevanten politischen Kräfte mitwirken sollen. Wir hoffen, dass auch die, die heute gegen die Regierung kämpfen, daran teilnehmen werden. Im Augenblick erhalten wir viele positive Signale, so dass wir unsere Vorbereitungen beschleunigen, damit das erste Treffen noch vor Jahresende stattfinden kann."
UN-Sondergesandter Jan Kubis kündigt neue Friedensinitiative in Afghanistan an
S. Petersmann, ARD Südasien
15.10.2012 11:46 Uhr
"Dialog in Dörfern und Distrikten"
Keine weiteren Details. Der Diplomat lässt offen, welche aufständischen Gruppen Interesse zeigen. Bisher haben es die Taliban und das mit ihnen verbündete Haqqani-Netzwerk strikt abgelehnt, mit der Regierung von Präsident Hamid Karsai zu verhandeln. Auch eine US-amerikanisch-deutsche Initiative, deren Ziel die Errichtung eines Taliban-Verbindungsbüros im Emirat Katar war, darf als gescheitert gelten. "Bis jetzt ist der Durchbruch bei allen Bemühungen ausgeblieben", so Kubis. "Aber ich glaube, dass auf allen Seiten das Verständnis wächst, dass es um einen inter-afghanischen Dialog gehen muss. Und dieser Prozess sollte in Afghanistan selber stattfinden. Hier, in diesem Land, in seinen Dörfern und Distrikten. Es geht dabei nicht nur um Spitzengespräche zwischen denen, die ganz oben stehen. Der afghanische Frieden braucht Bodenhaftung."
Trotz aller Rückschläge durch Terror und Gewalt: Kubis gehört nicht zu den Schwarzmalern, die von einem neuen afghanischen Bürgerkrieg ausgehen, sobald sich die NATO-Kampftruppen zurückgezogen haben. Eine neue Studie der angesehen International Crisis Group zum Beispiel skizziert den schnellen Zusammenbruch der afghanischen Regierung nach 2014 - doch der UN-Sondergesandte will davon nichts wissen. Er bleibt pragmatisch und betont konstruktiv. "Diese Untergangsszenarien spiegeln den schlimmsten Fall wider, aber ich glaube zur Stunde nicht, dass es sich um das wahrscheinlichste Szenario handelt. Natürlich müssen sich ernsthafte Analysten auch mit dem schlimmsten Fall beschäftigen, aber ich halte diese Studie für sehr einseitig."
"Wer kann sich schon 100 Prozent sicher sein in Afghanistan?"
Nach Meinung des Slowaken blenden die Afghanistan-Skeptiker wichtige positive Signale aus. Dazu gehören für ihn die wachsende Bereitschaft der Nachbarländer Pakistan und Iran, eine konstruktivere Rolle in Afghanistan zu spielen; die Bereitschaft der Regionalmächte China und Indien, massiv in Afghanistan zu investieren. Und das Versprechen des afghanischen Präsidenten, 2014 für eine saubere Wahl zu sorgen.
"Kann ich mir 100 Prozent sicher sein, dass die Wahl stattfinden wird? Nein, das kann ich natürlich nicht, aber wer kann sich schon 100 Prozent sicher sein in Afghanistan?", so Kubis. "Aber im Moment kann ich keine Abweichung vom eingeschlagenen Kurs feststellen. Die Vorbereitung für die Wahl läuft sehr beständig. Die Regierung und viele andere politische Kräfte reden nicht nur darüber, sondern sie handeln auch. Sie setzen sich für die geplante Wahl ein. Und sie wissen sehr viel besser als die meisten Analysten, was für sie auf dem Spiel steht."
Stand: 15.10.2012 12:24 Uhr
