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Reintegrationsprogramm in Afghanistan

Bezahlte Pause für Taliban-Kämpfer?

Die NATO setzt in Afghanistan auf Reintegration. 5000 Aufständische habe man auf diesem Weg bereits wieder in die Gesellschaft eingegliedert. Kritiker sprechen von einer bezahlten Pause für Taliban-Kämpfer und bezweifeln, dass ein Großteil der angeblichen Überläufer überhaupt Taliban sind.

Von Christoph Prössl, NDR-Hörfunkstudio Brüssel

Taliban geben eigentlich keine Interviews. Schon gar nicht, wenn sie übergelaufen sind. Doch es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel im Fall von Agha Jan Motasim. Der hochrangige Kämpfer verlor fast sein Leben bei einem Anschlag, weil er sich für die Bildung einer breiten Regierung unter Beteiligung gemäßigter Taliban in Afghanistan eingesetzt hatte.

Der Nachrichtenagentur AP sagte Motasim, die meisten Taliban wollten Frieden - es gebe nur einige wenige Hardliner. Solche Aussagen sind für die NATO Rückenwind. Das Bündnis unterstützt Überläufer mit einem eigens geschaffenen Programm, das afghanische Behörden selber ausführen und verwalten.

NATO setzt auf Integration der Taliban
C. Prössl, NDR Brüssel
19.07.2012 13:55 Uhr

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Hohe Teilnehmerzahl - niedrige Kosten

General David Hook leitet die Abteilung Reintegration. Er bezeichnet das Programm als eine gute Möglichkeit für ein Individuum, das nicht mehr auf dem Schlachtfeld stehen wolle, wieder in die Gesellschaft zurück zu finden. Für die NATO sei es obendrein kostengünstig. Dabei verzeichne die Allianz immer mehr Aussteiger. Fast 5000 Widerstandskämpfer hätten sich seit dem Bestehen des Programms 2010 gemeldet. Weiterhin lobte Hook die hohe Erfolgsquote, nur fünf Personen seien aus dem Programm vorzeitig ausgeschieden.

Ehemalige Talibankämpfer stellen sich mit ihren Waffen in einer Reihe auf.
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Der erste Schritt zur Reintegration: Die ehemaligen Kämpfer müssen ihre Waffen abgeben.

Ehemalige Talibankämpfer legen in einer Zeremonie ihre Waffen nieder.
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Die Entwaffnung folgt einer festen Zeremonie. Einer nach dem anderen müssen die Überläufer antreten.

Das Prozedere beschreibt der General folgendermaßen: "Wenn ein Aufständischer zu uns kommt, dann gibt er meistens in einer Zeremonie seine Waffe ab, dann überprüfen die afghanischen Behörden, ob er ein Aufständischer ist, dann werden sie biometrisch erfasst und schließlich durchlaufen sie das Demobilisierungsprogramm."

In dieser Zeit sollen sie lernen, sich an geltendes Recht zu halten und Minderheiten zu akzeptieren. Außerdem bekommen die Teilnehmer Geld: 120 Dollar pro Monat. Eine Entschädigung für entgangene Einkünfte als Kämpfer.

Experten kritisieren bezahlte Kampfpause

Ehemalige Talibankämpfer legen in einer Zeremonie ihre Waffen nieder.
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Werden sie die Waffen für immer ruhen lassen?

Hier setzt die Kritik vieler Experten an: Sie meinen, die Aufständischen nähmen das Geld und machten nur eine Pause, bevor sie wieder weiterkämpften. David Hook bezweifelt das: "Die Taliban würden Verrätern nicht verzeihen." Doch mit Zahlen kann die NATO das nicht belegen.

Das Programm geht aber auch noch einen Schritt weiter. "70 Prozent des Geldes verwenden wir für die Dörfer", sagt Hook. Mit diesen Zuwendungen solle die Gesellschaft, die die ehemaligen Kämpfer wieder aufnimmt, belohnt werden. Mit dem Geld werden Brunnen gebohrt oder Schulen gebaut. Für 2012 stehen für das gesamte Programm über 120 Millionen Euro bereit.

Mittlerweile können die afghanischen Behörden auch in jedem Distrikt Kämpfer in die Gesellschaft zurück bringen. Doch immer noch melden sich im Norden des Landes mehr Aufständische. Dort ist die Sicherheitslage besser als im Süden.

Aus dem Archiv: Aussteigerprogramm für gemäßigte Taliban
tagesthemen 22:45 Uhr, 29.01.2010, Florian Meesmann, ARD Neu Delhi

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Wer wird da eigentlich integriert?

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig hält die Initiative für "Selbstbetrug". Ruttig leitet den Think-Tank "Afghanistan Analysts Network". Die meisten der Reintegrierten seien gar keine Taliban, sagt Ruttig. Die NATO selber behauptet das auch nicht: Die Allianz spricht - sehr weit gefasst - von Aufständischen.

Die Entscheidung wer an dem Programm teilnehmen darf, fällen die Afghanen selber. Der Polizeichef, lokale Führer und auch Ministerien in Kabul müssen jede Person grünes Licht geben. Dadurch soll auch verhindert werden, dass beispielsweise Clanführer Familienmitglieder begünstigen. Trotzdem bleibt die Frage: Wer wird da integriert? Mitläufer, Betrüger, einfache Söldner? Allein die Zahl 5000 wirkt beachtlich: Nach Schätzungen verschiedener Experten gibt es in Afghanistan zwischen 20.000 und 40.000 Taliban.

Bewaffnete Ex-Talibankämpfer gehen in einer Reihe über einen Hof.
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Wie viele der 5000 Teilnehmer am Reintegrationsprogramm tatsächlich Taliban waren, weiß man nicht.

Stand: 20.07.2012 00:26 Uhr

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