Afghanische Soldaten sichern den US-Luftwaffenstützpunkt in Bagram. | Bildquelle: REUTERS

Afghanistan Blutiges Jahr für Journalisten

Stand: 09.01.2017 12:07 Uhr

2016 war ein besonders brutales Jahr für Afghanistan: Neben Zivilisten wurden vor allem Journalisten Opfer von islamistischer Gewalt - 14 Reporter und Mitarbeiter wurden getötet. Medienvertreter in Afghanistan setzen sich täglich Gefahren aus.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Nicht nur in Deutschland gehen immer wieder Menschen auf die Straße, um gegen die Einschätzung der Bundesregierung zu protestieren, in Afghanistan gebe es sichere Gebiete, in die Flüchtlinge abgeschoben werden können. Auch in Afghanistan selbst demonstrierten zuletzt Tausende Schiiten gegen die zunehmende Gewalt in ihrem Land. Seit die Terrormiliz "Islamischer Staat" in zahlreichen Provinzen Afghanistans Fuß gefasst hat, gibt es immer häufiger Angriffe gegen schiitische Moscheen.

Auch die Taliban bauten ihre Macht in Afghanistan aus. Die USA schickten deshalb 300 Marine-Soldaten in die am stärksten umkämpfte Unruhe-Provinz Helmand im Süden des Landes. Sie sollen die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden und im Kampf gegen die Taliban unterstützen.

Journalisten zunehmend Opfer von Gewalt

Opfer der zunehmenden Gewalt in Afghanistan sind neben der Zivilbevölkerung insbesondere Journalisten und Mitarbeiter der Medien. Das vergangene Jahr sei eines der blutigsten für Journalisten gewesen, sagte Abdul Mujeeb Khalvatgar, der Direktor des "Nai Media Instituts", das sich für eine freie Presse in Afghanistan einsetzt: "Wir haben im Jahr 2016 vierzehn Journalisten und andere Mitarbeiter verloren. Sie wurden entweder von den Taliban getötet oder von Leuten, die von der Regierung als unbekannte bewaffnete Gruppen bezeichnet werden."

Mehr als 420 Angriffe auf Journalisten seien im vergangenen Jahr in Afghanistan verzeichnet worden, davon 320 Angriffe der Taliban. "Die Taliban attackieren die Journalisten, weil sie aufdecken, was die Taliban anrichten im Land. Sie vergewaltigen, sie töten, sie brennen Schulen nieder und zerstören Straßen", berichtet Mujeeb.

Einheimische Reporter werden eingeschüchtert

Journalisten riskieren ihr Leben, um über die wahren Zustände im Land zu berichten. Nicht nur ausländische Korrespondenten sind in Gefahr, sondern vor allem einheimische Journalisten. Zabihullah Doorandish, der als Reporter für Kurshid TV in Afghanistan arbeitet, ist im vergangenen Jahr entführt worden: "Sie haben mich mit einem Auto an einen unbekannten Ort gebracht. Zwei Mann haben mich bedroht und mir alle meine Sachen abgenommen. Sie haben glücklicherweise keinen Presseausweis bei mir gefunden. Zwei Stunden sind sie mit mir durch Kabul gefahren. Wohin genau, weiß ich nicht, denn ich wurde die ganze Zeit auf den Boden gepresst."

Danach sei er einfach aus dem Auto geworfen worden, erzählt Doorandish. "Ich rannte auf eine Gasse zu und hörte plötzlich Schüsse. Ich fiel auf den Boden und dachte, ich sei getroffen worden, aber ich war unverletzt." Die Entführer hätten ihn nur einschüchtern wollen, sagt Doorandish. Dies sei eine geläufige Praxis, um Journalisten davon abzuhalten, zu berichten. Trotzdem wolle er weitermachen: "Ich riskiere mein Leben und akzeptiere die Gefahren. Denn ich will die Probleme der Menschen in meinem Land publik machen, auch für meine eigene Regierung."

Taliban erweitern ihren Einfluss

Die Taliban steinigen Menschen, peitschen sie aus, erhängen oder erschießen sie. Menschenrechtsaktivisten warnen vor einer Rückkehr der archaischen Strafen der Islamisten, die das strenge islamische Recht, die Scharia, in ganz Afghanistan angewandt sehen wollen. Dazu zählen neben Steinigungen und öffentlichen Prügelstrafen auch Exekution durch den Strang oder die Kugel. Mit solchen Mitteln hatten die Taliban das Land vor Beginn der internationalen Intervention vor 15 Jahren regiert.

In einem Bericht zu den zivilen Opfern in Afghanistan hatten die UN schon 2015 vor allem hinsichtlich der Bestrafung von Frauen für angebliche unmoralische Verbrechen von einem "neuen verstörenden Trend" gesprochen.

Der Anstieg solcher Vorfälle ist ein Zeichen für die zunehmende Kontrolle der Taliban in oft ländlichen und abgelegenen Bezirken des Landes. Nach einem der jüngsten Berichte des Spezialinspekteurs des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan SIGAR, sind nur
noch rund 63 Prozent des Landes unter der Kontrolle der Regierung. 33 der 407 Bezirke Afghanistans würden bereits von den Taliban kontrolliert, 116 weitere Bezirke seien umkämpft.

Gefahren in Afghanistan - blutiges Jahr für Journalisten
B. Musch-Borowska
09.01.2017 17:44 Uhr

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