Ein afghanisches Mädchen hält einen kleinen Jungen auf dem Arm | Bildquelle: AFP

Kinder in Afghanistan Schule - was ist das?

Stand: 25.03.2017 02:56 Uhr

Lesen, Rechnen, Schreiben: Was selbstverständlich sein sollte, bleibt in Afghanistan für mehr als drei Millionen Kinder ein unerreichbarer Traum. Sie werden zu Beginn des neuen Schuljahres, das jetzt beginnt, nicht zu Schule gehen können.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Dehli

Sayed Agha ist zwölf Jahre alt, aber zur Schule gehen ist für ihn derzeit ein unerreichbarer Traum. Stattdessen wühlt sich Sayed durch den Müll der südafghanischen Stadt Kandahar. Er sammele Altpapier, das andere wieder verwerten könnten, erzählt Sayed. "Aber meine Arbeit beginnt schon am frühen Morgen und sie endet erst am Abend. Da bleibt keine Zeit zum Lernen. Ich muss Geld für meinen Bruder und meine Eltern verdienen."

Umgerechnet vier Euro pro Tag verdient Sayed - wenn es ein guter ist. Er ist eines von geschätzt dreieinhalb Millionen Kindern, die zu Beginn des neuen Schuljahrs in Afghanistan, das mit dem Ende des Winters zusammen fällt, nicht zur Schule gehen können. Die Gründe dafür liegen aber nicht nur in der bitteren Armut.

Für den Lehrer Sharifullah Sharif ist das größte Problem die schwierige Sicherheitslage. Er unterrichtet in einer Schule in Kandahar: "Viele Leute haben einfach Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Sie haben Angst, dass die Kinder entführt werden könnten, und es gibt nicht genügend Anreize in den Schulen, die Menschen davon zu überzeugen, die Kinder eben doch zu schicken."

Manche Schulen existieren nur auf dem Papier

Niemand weiß genau, wie viele Kinder in Afghanistan tatsächlich zur Schule gehen. Die afghanische Regierung hat frühere Zahlen, wonach elf Millionen Kinder zur Schule gingen, nach unten korrigiert. Bildungsminister Balkhi nannte im Dezember nur noch die Zahl von sechs Millionen.

Amerikanische Inspekteure, die die Verwendung von Entwicklungshilfegeldern überprüfen, kritisieren, dass auch Kinder, die bis zu drei Jahre keine Schule besucht haben, immer noch als Schüler gezählt werden. Und: Viele Schulen existieren einfach nur auf dem Papier. Immer wieder stoßen unabhängige Rechercheure entweder auf leere oder halbfertige Schulgebäude. Gerade westliche Organisationen können die Verwendung ihrer Gelder in vielen Provinzen nicht mehr überprüfen.

Ein Junge verkauft Brote auf der Straße in Afghanistan. | Bildquelle: dpa
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Ein Junge verkauft Brote auf der Straße. Viele Kinder in Afghanistan müssen arbeiten.

Versickerte Gelder, kaputte Schulen

Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ, schickt zum Beispiel keine Mitarbeiter mehr nach Kundus in Nordafghanistan - dort ist es zu unsicher. Die Gelder für den Bau und den Betrieb der Schulen, so schildert es auch das renommierte Afghanistan Analysts Network, versickerten oft und landeten bisweilen in den Händen lokaler Kriegsfürsten.

Selbst Schulen, die in Betrieb sind, stehen vor enormen Herausforderungen, wie diese Schülerin aus Kandahar berichtet: "Unsere Schule ist total beschädigt. Wir haben keine ordentlichen Klassenräume, wir haben nicht mal Stühle oder Tische und schon gar kein trinkbares Wasser hier." Der Lehrer Sharifullah schätzt, dass auch an seiner Schule nur zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler am Unterricht auch wirklich teilnehmen.

Regierung hat vielerorts die Kontrolle verloren

Gerade in Südafghanistan wird die Lage derzeit nicht besser. In der Provinz Helmand überrannten die Taliban in dieser Woche den strategisch wichtigen Distrikt Sangin, in dem auch britische und amerikanische Soldaten lange gegen die Extremisten gekämpft haben. Die Regierung kontrolliert noch etwas mehr als die Hälfte des Landes.

Unklar ist auch, was mit rund 400.000 Mädchen und Jungen geschehen soll, die seit dem Sommer aus dem Iran und Pakistan heraus gedrängt wurden. Für die Kinder Afghanistans, die vielleicht mehr als andere von einer Perspektive durch Bildung träumen, sind das keine guten Aussichten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 25. März 2017 um 07:11 Uhr

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