Straßenszene an einem Checkpoint bei Kundus | Bildquelle: dpa

Bedrohte Bundeswehr-Hilfskräfte in Kundus 180 Afghanen dürfen nach Deutschland

Stand: 02.10.2015 15:12 Uhr

Die Bundesregierung hat eine Kehrtwende bei der Aufnahme afghanischer Mitarbeiter des deutschen ISAF-Kontingents vollzogen. Mehr als 180 Afghanen dürfen mit ihren Familien nach Deutschland kommen, wie Innenministerium und Bundeswehr bekanntgaben. Bisher wurden solche Ausreisen nur ausnahmsweise genehmigt. Noch ist allerdings nicht klar, wie viele der Betroffenen das Angebot annehmen werden.

Auch Qyamuddin, der von der Bundeswehr als Übersetzer angeworben wurde, darf ausreisen.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Qyamuddins Handy klingelte gestern Abend. Der Anruf, den er entgegen nahm, kam aus Masar-i-Scharif, direkt aus dem Hauptquartier der Bundeswehr in Afghanistan. "Ein Militärdolmetscher fragte, ob ich denn einen Pass besitze, und dass ich in ihrer Liste aufgeführt sei", erzählt Qyamuddin. "Er lud uns ein, nächste Woche nach Masar-i-Scharif zu kommen."

Freude, Hoffnung, Erleichterung - all das ist Qyamuddin jetzt, am Morgen danach, kaum anzusehen. Er ist schwer zu erreichen in Kundus, aus Angst vor den Taliban wechselt er ständig seine Adressdaten. Und jetzt steht er möglicherweise vor einer Entscheidung, die sein Leben verändern könnte. Auf der Liste der Bundeswehr zu stehen, nach dem Pass gefragt zu werden, das könnte bedeuten: auszureisen nach Deutschland.

Kundus - Das harte Los der Ortskräfte
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
07.10.2013 00:28 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Viele fühlen sich von den Deutschen im Stich gelassen

Mehr als 180 Afghanen, die für die deutsche Armee gearbeitet haben, stehen neuerdings auf dieser Liste. Eine Kehrtwende, und Hoffnung für viele, die sich von den Deutschen im Stich gelassen fühlten, wie auch Qyamuddin.

Ende September erhielt Qyamuddin ein Schreiben: Einen Brief der Taliban, den man ihm im Frühjahr unter die Haustür geschoben hatte. "Du bist Qyamuddin", schrieben sie. "Und Du hast für die deutsche Armee als Spion und Übersetzer gearbeitet. Du musst uns über alles berichten, was Du dort getan hast. Ansonsten erwartet Dich der Tod."

Qyamuddin ging sofort zur Polizei. Aber die sagte, sie könne nichts für ihn tun. Seitdem lebt Qyamuddin jeden Tag in Angst. Das Interview findet im Haus eines Bekannten statt, auf die Straße traut er sich nur wenige Minuten. Am Vortag hatten Taliban einen hochrangigen Beamten in Kundus erschossen, mitten in der Stadt.

Nur ein Kettenbrief?

Straßenszene an einem Checkpoint bei Kundus | Bildquelle: dpa
galerie

Ein Dolmetscher der Bundeswehr (2.v.r.) im Gespräch mit lokalen Sicherheitskräften in Kundus. (Archiv 2011)

Häufig war er im Einsatz mit den Deutschen, draußen in der Region Kundus, wo man ihn Schulter an Schulter mit den Ausländern sehen konnte. Ende 2012 wurde die Einheit, für die der 23 Jahre alte Student gearbeitet hatte, abgezogen. Von seinem Vorgesetzten erhielt er ein Dankeschön. Das war alles.

Nach dem Warnbrief der Taliban wandte sich Qyamuddin an die Bundeswehr. In Masar-i-Scharif landete sein Fall auch bei General Michael Vetter. Und noch Ende September klang Vetter zurückhaltend. "Sie müssen wissen, dass diese Briefe wie Kettenbriefe an Mitarbeiter von Regierungsorganisationen, an ISAF-Mitarbeiter verteilt werden, was nicht unmittelbar sofort bedeutet, dass diese Menschen akut bedroht sind", sagte Vetter damals.

Ein Kettenbrief, mit Namen versehen und unter die eigene Haustür geschoben? Inzwischen scheint auch Vetter eine Kehrtwende zu vollziehen, mit Rückendeckung aus dem Bundesinnenministerium, das endgültig eine Aufnahme der Afghanen genehmigt. Bisher gelten 20 Afghanen als "akut gefährdet". Qyamuddin und 150 andere Bundeswehr-Mitarbeiter sind zwar immer noch offiziell nur latent gefährdet - aber das reicht jetzt aus, um ihnen die Ausreise anzubieten.

Mehr als 240 Anfragen afghanischer Mitarbeiter

Insgesamt hatten sich mehr als 240 lokale Mitarbeiter gemeldet, bei rund 69 gebe es keine Gefährdung, heißt es in der Bundeswehr. Diesen Mitarbeitern sollen immerhin höhere Abfindungen angeboten werden.

Qyamuddin weiß noch nicht, was ihn genau in Masar-i-Scharif erwartet, wenn er der Einladung der Bundeswehr folgen wird, deshalb klingt er heute, einen Tag nach dem Anruf der Deutschen, auch noch skeptisch: "Es ist noch nicht ganz klar, aber ich glaube schon, dass sie mich als Flüchtling in Deutschland anerkennen wollen", spekuliert er. "Was soll ich denn mit Geld hier in Kundus?"

Denn, das ist ihm seit jenem Tag, an dem er den Drohbrief mit seinem Namen darauf erhielt klar geworden: In Kundus wird sich Qyamuddin wohl nie wieder richtig sicher fühlen können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Oktober 2013 um 20:00 Uhr.

Darstellung: