Afghanische Sicherheitskräfte in Kundus | Bildquelle: REUTERS

Kämpfe zwischen Armee und Taliban Trügerische Ruhe in Kundus

Stand: 01.10.2015 12:40 Uhr

Nach der Gegenoffensive der Nacht hat die afghanische Armee Kundus für befreit erklärt. Doch die Ruhe trügt: Taliban sind in der Stadt untergetaucht. Die Armee durchkämmt nun Stadtviertel für Stadtviertel.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi

Kurz vor Mitternacht hatten die afghanischen Sicherheitskräfte, vornehmlich Spezialeinheiten, die Taliban in Kundus angegriffen. Laut der Provinzregierung griffen auch NATO-Soldaten in die Gefechte ein. Stundenlang soll gekämpft worden sein. Als es hell wurde, patrouillierten Soldaten und Polizisten bereits im Stadtzentrum. Anwohner fotografierten viele Leichen auf den Straßen, zerschossene Autos und brennende Häuser. Auf dem zentralen Platz von Kundus hissten die Soldaten die afghanische Flagge.

Ein Polizeikommandeur, der tatsächlich auf dem zentralen Platz stand, schlug große Töne an: "In Zusammenarbeit mit den anderen Sicherheitskräften haben wir es geschafft, ganz Kundus von den Taliban zu befreien. Ich rufe die Bürger auf, ihren Alltag wieder aufzunehmen."

Regierungstruppen haben offenbar weite Teile von Kundus zurückerobert
tagesschau 12:00 Uhr, 01.10.2015, Markus Spieker, ARD Neu-Delhi

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Hubschrauber über Kundus

Tatsächlich trauten sich Menschen auf die Straßen, einige Läden sollen sogar geöffnet haben. Dann aber - so lässt es sich aus verschiedenen Aussagen von Einwohnern rekonstruieren - griffen die Taliban wieder an, einige offenbar in Uniformen, die sie von der afghanischen Armee erbeutet hatten. Unter anderem sollen sich die Spezialkräfte zwischenzeitlich wieder vom zentralen Platz zurückgezogen haben. Hubschrauber seien im Einsatz.

Die Lage ist entsprechend unübersichtlich. Die Armee erklärte, sie sei dabei, Stadtviertel um Stadtviertel zu durchkämmen, auf der Suche nach Taliban. Dringend benötigte Verstärkungen treffen afghanischen Medien zufolge nur sehr schleppend ein. Die Truppen müssten sich den Weg nach Kundus regelrecht freischießen, heißt es. Sollte die gestartete Offensive erneut misslingen, wäre das ein neuer, schwerer Schlag für die afghanische Armee und die Regierung.

Jürgen Webermann @webermannj
Augenzeugen: Schwere Kämpfe auch wieder im Stadtzentrum von #Kunduz.

Proteste in Kabul

Wütende, vor allem junge Menschen gingen derweil in Kabul auf die Straßen, vornehmlich, um gegen die Taliban zu protestieren. Viele von ihnen trauen aber ihrer eigenen Regierung schon lange nicht mehr, wie dieser Demonstrant sagt: "Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Taliban in der Regierung Unterstützer haben. Zusammen mit ihren lokalen Verbündeten schaffen sie es, eine solche Krise heraufzubeschwören. Aber für alle Aggressoren und Extremisten wird Afghanistan ein Friedhof sein, egal unter welcher Fahne sie hier kämpfen."

Regierungs-Geschäftsführer Abdullah Abdullah erklärte, die Ereignisse in Kundus zeigten eindeutig, dass die internationalen Truppen nicht aus Afghanistan abziehen dürften und das Land weiter Hilfe benötige. Die Regierung kündigte außerdem eine Untersuchung an. Denn viele Afghanen fragen sich, wie es möglich sein konnte, dass geschätzt rund zweitausend Taliban eine Großstadt überrennen konnten - ohne dass der Geheimdienst oder die Armee davon etwas mitbekommen haben oder sich angemessen verteidigen konnten.

Der Kampf um Kundus geht weiter
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
01.10.2015 12:53 Uhr

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