Kind vor Autowracks in Afghanistan | Bildquelle: dpa

Treffen in Kabul Friedenskonferenz nach Terrorangriff

Stand: 06.06.2017 09:58 Uhr

Wenige Tage nach zwei blutigen Anschlägen in Kabul ist die afghanische Hauptstadt Gastgeber einer internationalen Friedenskonferenz mit Vertretern aus 25 Staaten. Die Regierung des Landes droht, an der Sicherheitslage zu zerbrechen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Ungeachtet der schweren Anschläge in der vergangenen Woche soll in Kabul heute die geplante Friedens- und Sicherheitskonferenz beginnen. Beim sogenannten Kabul-Prozess - so der Titel der Konferenz - soll unter anderem darüber gesprochen werden, wie die radikal-islamischen Taliban an den Verhandlungstisch geholt werden können.

Außerdem geht es um das weitere Vorgehen gegen Terrororganisationen, wie den "Islamischen Staat", der möglicherweise für den schweren Bombenanschlag in Kabul verantwortlich war, bei dem am Mittwoch vergangener Woche zahlreiche Menschen ums Leben gekommen waren. Wer tatsächlich den Anschlag verübt hat, ist noch unklar. Die Taliban haben jede Verantwortung dafür zurückgewiesen.

Regierung könnte an Sicherheitslage scheitern

Zu der Afghanistan-Konferenz waren ursprünglich stellvertretende Außenminister und Gesandte aus 25 Ländern eingeladen, darunter aus den USA, Russland, China, Pakistan, dem Iran und Indien. Für Deutschland wird voraussichtlich der Botschafter in Kabul teilnehmen.

Nach dem blutigsten Anschlag der vergangenen Monate in Kabul werden die Opfer zu Grabe getragen. | Bildquelle: REUTERS
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Auf die Beerdigung der Attentatsopfer wurde ein weiterer Anschlag verübt.

Angesichts der dramatischen Sicherheitslage in Afghanistan, insbesondere in der Hauptstadt Kabul, wird befürchtet, dass die ohnehin fragile Einheitsregierung weiter gespalten werden könnte.

Außenminister Salahuddin Rabbani, der zugleich Vorsitzender der Jamiat-e-Islami-Partei ist, forderte gestern den Rücktritt mehrerer Sicherheitschefs: "Dieser unmenschliche Terroranschlag am vergangenen Mittwoch hat deutlich gemacht, dass wir ein Problem haben mit den Sicherheitsorganisationen in unserem Land. Deren Chefs sollten ersetzt werden, durch Leute, denen die Bevölkerung trauen kann."

Anschlag in Kabul: Zahl der Todesopfer steigt

Nach dem Anschlag im Diplomatenviertel von Kabul am vergangenen Mittwoch hat sich die Zahl der Todesopfer drastisch erhöht. Mehr als 150 Menschen seien getötet und mehr als 300 weitere schwer verletzt worden, sagte Präsident Aschraf Ghani bei der Friedenskonferenz in der afghanischen Hauptstadt. Alle Opfer seien Afghanen gewesen.
Bislang waren die Behörden davon ausgegangen, dass bei dem Anschlag mindestens 90 Menschen getötet wurden. Dem afghanischen Innenministerium zufolge sprengte sich ein Selbstmordattentäter mit einem mit 1500 Kilogramm Sprengstoff beladenen Tanklaster mitten im hochgesicherten Diplomatenviertel in die Luft. Die afghanische Regierung machte das mit den Taliban verbündete Hakkani-Netzwerk für die Tat verantwortlich.

Demonstrationen gegen Regierung

Am Freitag hatte die afghanische Polizei vor dem Präsidentenpalast in Kabul auf Demonstranten geschossen und mehrere getötet. Diese hatten der afghanischen Regierung wegen der eskalierenden Gewalt Versagen vorgeworfen.

Außenminister Rabbani war am Wochenende nur knapp weiteren Bombenanschlägen entgangen, die auf die Beerdigung eines der getöteten Demonstranten verübt wurden. Auch Regierungschef Abdullah Abdullah war bei der Beerdigung anwesend und hatte die Anschläge ebenfalls überlebt. Er rief die Bevölkerung am Wochenende zur Ruhe auf, angesichts der Proteste, die es in Kabul gegen seine Regierung gab: "Bei der derzeitigen Situation in Afghanistan rufe ich alle dazu auf, ihre Forderungen in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, der nicht den Feinden Afghanistans in die Hände spielt."

Bei der Explosion der LKW-Bombe in unmittelbarer Nähe der deutschen Botschaft waren am Mittwoch mehr als 150 Menschen getötet und mehr als 300 weitere schwer verletzt worden. Die gewaltige Explosion hatte auch ein Gebäude der deutschen Botschaft schwer beschädigt.

Ob sie das Ziel des Anschlags war, ist weiterhin unklar. Medienberichten zufolge hatten die deutsche Botschaft und andere deutsche Institutionen ebenso wie die Botschaften anderer Länder in Kabul zuvor Drohungen erhalten. Die staatliche deutsche Entwicklungshilfsorganisation GIZ flog nach dem Anschlag einen Großteil ihrer Mitarbeiter aus Afghanistan aus.

Die zerstörte Botschaft in Kabul | Bildquelle: AP
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Die deutsche Botschaft in Kabul wurde bei dem Anschlag stark beschädigt.

Gefechte auch in Kundus

Unterdessen hat es im Norden Afghanistans, in der seit Wochen umkämpften Provinz Kundus, auch gestern wieder heftige Gefechte gegeben. Dabei sind nach Regierungsangaben mehrere Taliban und auch mindestens acht Soldaten der afghanischen Streitkräfte ums Leben gekommen. Die vollständige Eroberung der Provinz Kundus, die einst Stützpunkt der Bundeswehr in Afghanistan war, gilt als ein Hauptziel der Taliban.

Friedensprozess in Afghanistan
B. Musch-Borowska, NDR
06.06.2017 06:30 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 06. Juni 2017 die tagesschau um 04:42 Uhr und NDR Info um 10:08 Uhr.

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