Imamdad und seine Familie

Afghanistan 2016 "Hier herrscht Krieg"

Stand: 23.12.2016 05:34 Uhr

Aus Sicht der Bundesregierung ist Afghanistan sicher genug, um Menschen dorthin zurückzuschicken. Dabei gab es 2016 in 31 von 34 Provinzen bewaffnete Kämpfe. Wie ist es also wirklich um die Sicherheit im Land bestellt?

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu-Delhi

Entwurzelung und Hunger sind stille Krieger. Imamdad und seine Familie sind erst seit wenigen Tagen in der afghanischen Hauptstadt. Sie flohen aus der umkämpften nordafghanischen Provinz Kundus, in der die Bundeswehr zwischen 2003 und 2013 stationiert war. Doch Frieden und Sicherheit hat die Region - wie das ganze Land - nicht gefunden. In den vergangenen Jahren entwickelte sich Kundus zu einer Hochburg der Taliban, in den letzten 12 Monaten gelang es den Islamisten zweimal, in die gleichnamige Provinzhauptstadt Kundus einzudringen.

"Wir wollten nur raus aus Kundus, und wir dachten, dass nur Kabul wirklich sicher ist, deshalb sind wir hierher geflohen", berichten Imamdad und seine Frau. Sie leben jetzt mit ihren zehn Kindern in einem kleinen Zelt am Stadtrand von Kabul, gemeinsam mit anderen Binnenflüchtlingen aus Kundus.

"Beide Seiten haben schwere Waffen benutzt und einfach geschossen, wir sind zum ersten Mal in unserem Leben geflohen", erzählen Imamdad und seine Frau Laila. "Die Taliban und die Soldaten spielen Verstecken: Mal rückt der eine vor, mal der andere."

Terror gehört zum Alltag

Wie es weitergehen soll, wissen sie nicht. Allein in diesem Jahr wurden in Afghanistan fast 600.000 Menschen durch Krieg und Terror vertrieben. Viele zieht es wie Imamdad und seine Familie nach Kabul. Doch auch hier gehört Terror zum Alltag. Beim jüngsten Taliban-Angriff auf das Haus des Parlamentsabgeordneten Mir Wali starben mindestens sieben Menschen.

Khudabaksh überlebte vor einem Monat einen Selbstmordanschlag des sogenannten "Islamischen Staates", der auch in Afghanistan Fuß gefasst hat. Der Attentäter sprengte sich mit einer Weste in einer Moschee in die Luft und riss mehr als 30 Menschen mit in den Tod, Dutzende wurden schwer verletzt. Im hinteren Teil der Moschee, dort, wo der Attentäter sich in eine menschliche Bombe verwandelte, rissen Metallsplitter den Fußboden und die Decke auf. Die Säulen sind rußgeschwärzt, die Wände blutverschmiert.

Selbst Kabul ist nicht sicher

"Ich fühle mich entblößt und verletzt, viele der Toten waren meine Freunde. Von einigen ist nichts übriggeblieben. Das macht mich ohnmächtig und wütend", sagt Khudabaksh. Er beklagt sich bitter darüber, dass die afghanische Regierung zerstritten ist und es nicht schafft, für Sicherheit zu sorgen. Selbst in Kabul nicht. In 31 von 34 afghanischen Provinzen gab es Kämpfe.

Khudabaksh überlebte einen Anschlag
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Khudabaksh: "Ich fühle mich entblößt und verletzt."

Franz-Michael Mellbin, der Botschafter der Europäischen Union in Afghanistan, bilanziert ein bitteres Jahr 2016: "Hier herrscht Krieg, der Feind ist entschlossen. Die Zahl der zivilen Opfer steigt. Die Kurve ist eindeutig: Der Kampf mit dem Feind wird schwieriger und weitet sich aus. Das ist eine sehr schwere Situation für viele Afghanen."

Dennoch halten Deutschland und andere EU-Länder daran fest, geflohene Afghanen in ihre Heimat zurückzuschicken. Die NATO beendete 2014 ihren Kampfeinsatz nach insgesamt 13 Jahren offiziell beendet, doch von einem schnellen Abzug redet heute keiner mehr. Die USA fliegen wieder verstärkt Luftangriffe, am Boden kommen Spezialkräfte zum Einsatz. Die rund 940 Bundeswehrsoldaten im Land sollen die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden und beraten. Ihr Mandat ist gerade um ein Jahr verlängert worden.

Von der Leyen in Afghanistan - ein ganz bitteres Jahr
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
22.12.2016 20:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Dezember 2016 um 20:41 Uhr

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