Präsident Ghani | Bildquelle: REUTERS

Afghanistan Verhandeln mit den Taliban?

Stand: 17.03.2018 05:00 Uhr

Präsident Ghani hat Ende Februar den Taliban angeboten, sie als politische Partei anzuerkennen - wenn es denn Frieden gäbe. Noch zögern sie, das Angebot anzunehmen. Sie befinden sich in der Zwickmühle.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Südasien

Das Angebot kam überraschend, und es war überraschend weitreichend. In einer Runde internationaler Diplomaten Ende Februar in Kabul kam Afghanistans Präsident Ghani gleich zur Sache. Er wünsche sich Verhandlungen mit den Taliban. Er sei bereit, die Extremistengruppe als politische Partei anzuerkennen, er werde gefangene Taliban freilassen und sogar über Verfassungsänderungen nachdenken. Das alles ohne Vorbedingung. "Ich appelliere an die Taliban und an die Führung der Gruppe. Die Entscheidung liegt in Ihren Händen. Willigen Sie ein in einen Frieden mit Würde, lassen Sie uns gemeinsam dieses Land retten, für das wir so viel geopfert haben," sagte Ghani.

Einen Monat zuvor hatte Ghani noch erklärt, die Taliban ausschließlich auf dem Schlachtfeld besiegen zu wollen. Da hatten die Extremisten gerade mit einem besonders perfiden Anschlag mehr als 100 Menschen in Kabul getötet. Der Sprengsatz war in einem Krankenwagen versteckt. Doch es war wohl internationaler Druck, der den afghanischen Präsidenten zum Umdenken bewogen hat. Die große Frage also lautete: Wie würden die Taliban reagieren? Zunächst einmal mit einer höflichen Absage. Immerhin hatten sie Ghanis Rede als "exzellent" gelobt.

USA sehen positive Signale

In der vergangenen Woche dann wurden sie etwas konkreter: Die Regierung in Kabul sei nicht legitim. Die Taliban kündigten in dieser Woche schließlich an, sie wollten zwar verhandeln, aber nur mit den USA. US-Verteidigungsminister Mattis sieht dennoch positive Signale: "Wir haben schon vor der Konferenz in Kabul Signale der Verhandlungsbereitschaft bei den Taliban ausgemacht. Wir möchten, dass die Afghanen das selber regeln. Gleichzeitig sind wir offen für weitere Schritte. Im vergangenen Monat sind einige Talibangruppen auf uns zugekommen, die Interesse an Gesprächen haben. Es wäre zu viel erwartet, wenn gleich alle Taliban kämen. Aber einige Elemente innerhalb der Taliban sind an Gesprächen interessiert."

Der Afghanistan-Beauftragte der Europäischen Union, Roland Kobia, forderte inzwischen alle Regierungen, die mit den Taliban in Kontakt stehen, auf, die Extremisten zu Gesprächen zu ermutigen: "Diese Regierungen sollten den Taliban klar machen, dass es sich hier um das umfassenste Friedensangebot handelt, das bisher gemacht wurde. Wenn Regierung und Taliban wirklich das Beste für das Land wollen, dann wäre dies eine gute Gelegenheit."

Taliban in der Zwickmühle

Kämpfer der afghanischen Taliban | Bildquelle: AP
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Kämpfer der afghanischen Taliban

Politische Analysten sehen die Taliban in der Zwickmühle. Lehnen sie Ghanis Angebot ab, liefern sie der Regierung und den USA Argumente, die Luftangriffe gegen die Taliban noch einmal auszuweiten. Schon jetzt fliegt die US-Luftwaffe so viele Angriffe wie seit 2011 nicht mehr. Aber eine Annahme des Angebots würde bei vielen Taliban-Kämpfern in den Schützengräben nicht gut ankommen, sagte Borhan Osman von der Internationalen Crisis Group, die internationale Organisationen berät, der Nachrichtenagentur afp.

Das renommierte Afghanistan Analysts Network schreibt, das Angebot Ghanis sei qualitativ weitreichender als bisherige Friedensinitiativen. Es sei wahrscheinlich, dass die Taliban zumindest über Verhandlungen nachdenken. Ähnlich formuliert es auch Präsident Ghani selbst: "Das Angebot ändert vieles, denn es zwingt alle Kriegsparteien, ihre bisherigen Standpunkte zu überdenken. Das kann sicher kurzfristig dazu führen, dass es heftigere Kämpfe geben wird. Aber das afghanische Volk hat jetzt 40 Jahre lang darauf gewartet, dass die Kriegsparteien ernsthaft ihre bisherigen Positionen prüfen."

Kämpfe und Anschläge trotz Gesprächsangebot

Tatsächlich scheint sich an den vielen Fronten in Afghanistan seit dem Gesprächsangebot Ghanis wenig geändert zu haben. Täglich gibt es neue Meldungen über Kämpfe, Zwischenfälle und Anschläge. 30.000 Menschen wurden seit Jahresbeginn in die Flucht geschlagen. Jede Seite will aus einer Position der Stärke verhandeln. 2017 schienen die Taliban in der Offensive. Jetzt wollen die afghanische Regierung und die US-Streitkräfte das Blatt vor allem mit intensiven Luftangriffen wenden.

Und so ist der Chef des afghanischen Hohen Friedensrats, Karim Khalili, skeptisch. Eigentlich soll der Friedensrat die Gespräche koordinieren. So hatte es Präsident Ghani angekündigt. Aber Khalili betonte zuletzt, er glaube nicht, dass die Taliban jemals kapitulieren werden.

Afghanistan und die vage Hoffnung auf Friedensgespräche
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
16.03.2018 21:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 14. März 2018 um 19:50 Uhr.

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