Mohammad Ahmad und einige seiner Familienangehörigen vor der notdürftig zusammen gemauerten Unterkunft.

Reportage aus Kabul "Noch bin ich nicht tot"

Stand: 01.04.2017 14:18 Uhr

Immer mehr Menschen fliehen von Pakistan nach Afghanistan - mindestens 600.000 waren es allein im vergangenen Sommer. Die meisten von ihnen wollen nach Kabul. Inzwischen sei die Stadt "überstrapaziert", so die UN.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Südasien

Mohammad Ahmad muss ständig husten. Es ist bitterkalt an diesem Morgen. Gleich, wenn die Sonne kräftiger scheint, wird sich der gefrorene Boden in tiefen Schlamm verwandeln. Aber Ahmad will trotzdem lieber hier, vor der notdürftig zusammengemauerten Unterkunft mit uns sprechen. In den drei kleinen Zimmern ist es zu eng und stickig. In dem winzigen Backsteinbau, von einem Holzofen beheizt, leben 25 Menschen.

"Wir sind vier Familien und vor vier Monaten hierher nach Kabul gekommen. Wir haben vorher im Punjab in Pakistan gelebt. Aber die Polizei hat damit begonnen, uns ständig zu schikanieren. Also sind wir gegangen", berichtet Ahmad.

Ahmad war Plastik- und Wertstoffsammler in Pakistan. Was immer er finden konnte, verkaufte er an Fabriken. Als seine Familie vor 35 Jahren von Afghanistan nach Pakistan floh, war er gerade mal acht Jahre alt. Damals führte die Sowjetunion Krieg in Afghanistan. "Seitdem war ich nicht mehr in Afghanistan. Eigentlich stammen wir aus der Provinz Baghlan. Aber weil es dort zu unsicher ist, sind wir hierher nach Kabul gegangen. Hier ist es aber schwierig. Es gibt keine Jobs. Immerhin lässt uns die Polizei in Ruhe", sagt Ahmad.

"Wir lassen die Kinder drinnen - da ist es wärmer"

Unter einer Plane haben sie Habseligkeiten gelagert.
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Unter einer Plane haben sie Habseligkeiten gelagert.

Ein Verwandter fand das Grundstück am Stadtrand Kabuls für Ahmad. Ringsherum stehen halbfertige Rohbauten. Umgerechnet 40 Euro Miete zahlen sie für die Unterkunft. Die Habseligkeiten aus Pakistan haben sie unter einer Plane verstaut. Ein Zelt, in dem die Frauen gekocht haben, ist kürzlich unter einer Schnee- und Eislast zusammen gebrochen.

Zwar hustet Ahmad, aber schlimmere Krankheiten seien noch nicht ausgebrochen, sagt er. Die Kinder, die aus Neugierde herausgekommen sind, gehen bisher nicht zur Schule. Unklar ist, ob sich das im Frühjahr ändern wird. "Wir lassen sie jetzt drinnen, da ist es wenigstens wärmer. Ansonsten benötigen wir eigentlich alles: Teppiche, Decken und Lebensmittel", erzählt Ahmad.

Immer mehr Afghanen kehren zurück

Vor allem im vergangenen Jahr hatte Pakistan damit begonnen, massenhaft Afghanen aus dem Land zu drängen. Die Erzählungen vieler Familien legen nahe, dass die Polizei freie Hand hatte, Afghanen Geld abzupressen, sie zu verprügeln oder ins Gefängnis zu stecken. In Pakistan gibt es geschätzt drei Millionen afghanische Flüchtlinge. Nach großen Terroranschlägen, zum Beispiel auf eine Schule in Peschawar Ende 2014, wurden sie zu Sündenböcken.

Mindestens 600.000 kehrten allein im vergangenen Sommer nach Afghanistan zurück. Viele versuchen, in Städten wie Kabul ihr neues Leben aufzubauen. Aber sie sind nicht die Einzigen. In Afghanistan mussten in den vergangenen Jahren geschätzt zwei Millionen Menschen vor dem Krieg fliehen. Seit Jahresbeginn verließen laut den Vereinten Nationen rund 40.000 Menschen ihre Heimatregionen, weil dort Kämpfe tobten.

Kein Strom, kein Wasser

Baryalai in seiner Unterkunft
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Baryalai hatte in Pakistan eine eigene Fabrik. Jetzt harrt er in einem Rohbau aus.

Baryalai bietet heißen Tee an. Er hat sich eine Decke umgeschlagen. Baryalai ist ein stolzer Mann, um die 50 Jahre alt, er wohnt zumindest etwas komfortabler als Ahmad - drei große Zimmer im Rohbau für 120 Euro pro Monat. Aber auch hier: kein Strom, kein Wasser. Dafür ist es drinnen feuchtkalt.

"Wir hatten drüben in Pakistan gute Arbeit. Ich habe dort eine kleine Fabrik aufgebaut, die Eiswürfel herstellt. Wir hatten sogar zwei Autos. Ich habe alles verkauft, als die Polizei begann, meine afghanischen Arbeiter zu drangsalieren. Ich hatte nicht mal eine Chance, das ganze Geld aus dem Verkauf einzusammeln", berichtet Baryalai.

Er sitzt neben einem Tresor, so, als ob er ihn bewachen will. Darin befindet sich der ganze Besitz der zehnköpfigen Familie. Wie viele Rückkehrer ging auch Baryalai bewusst nach Kabul.

Kabul ist "überstrapaziert"

"Ich dachte, wenn, dann gibt es hier noch Arbeit. Aber inzwischen weiß ich nicht, wem es schlechter geht: Den Menschen hier in Kabul, die seit vier Jahrzehnten Krieg erleben, oder uns. Es ist schwierig, sie sehen das ja", erzählt er.

Weil Kabul voller Flüchtlinge und Rückkehrer ist, bezeichnen die Vereinten Nationen die Stadt als "überstrapaziert". Rückkehrer bekommen vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR 400 Dollar pro Person als Starthilfe - aber nur, wenn sie in Pakistan auch als Flüchtlinge registriert waren. Viele Afghanen lebten ohne jegliche Dokumente in Pakistan, auch Baryalai. Das rächt sich jetzt. Die zehnköpfige Familie von Baryalai konnte nur zwei Ausweise vorlegen.

"Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde. Deshalb haben wir uns auch nie registrieren lassen. Aber ich bleibe optimistisch. Was soll ich auch machen? Ich lebe ja und bin noch nicht tot", sagt Baryalai.

Ahmad hat einen Plan

Er hofft, dass er vielleicht im Frühjahr, wenn es wärmer wird, Arbeit finden kann, genauso wie Ahmad, der gegenüber wohnt. Ahmad hat einen vagen Plan. Weil die meisten Familienmitglieder in Pakistan registriert waren, haben sie vom UNHCR auch mehrere tausend Dollar bekommen. Das Geld haben sie in ein Grundstück am äußersten Stadtrand von Kabul gesteckt. "Wir werden  einige Zelte auftreiben und, wenn es warm wird, dorthin umziehen und uns Hütten bauen. Die Miete hier können wir uns nicht mehr lange leisten", erklärt er.

Von dem neuen Grundstück, so hofft Ahmad, wird sie niemand mehr vertreiben können. Aber Arbeit, Perspektive, oder auch nur ein Platz in der Schule für die Kinder? Mal sehen, sagt Ahmad nur kurz. So richtig angekommen ist er noch nicht in Kabul.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. März 2017 um 06:10 Uhr

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