Sicherheitskräfte auf dem Flughafen Kandahar nach dem Ende des Talibanangriffs | Bildquelle: AFP

Taliban-Angriff auf Flughafen Kandahar Im Herzen des Feindes

Stand: 10.12.2015 15:02 Uhr

Beim Sturm auf den Flughafen von Kandahar haben die Taliban 50 Zivilisten und Sicherheitskräfte getötet. Doch wie war der Angriff auf den Stützpunkt nationaler und internationaler Soldaten möglich?

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Es waren tödliche Stunden am Flughafen von Kandahar - vor allem für Zivilisten. Zerschossene Häuser und Autos zeugen von dramatischen Stunden. Der Flughafen ist gleichzeitig ein großer Armeestützpunkt. Er ist wie eine eigene Stadt und ein großer Arbeitgeber für Zivilisten. Erst nach mehr als 24 Stunden gelang es den afghanischen Sicherheitskräften, den Angriff zu beenden.

Das Verteidigungsministerium in Kabul spricht von elf Angreifern, denen es am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr Ortszeit gelungen war, die ersten Sicherheitsschranken zu überwinden und in den Außenbereich des militärischen Teils des Flughafens vorzudringen.

Stundenlange Gefechte

Das Taliban-Kommando verschanzte sich dort in einer kleinen Siedlung für afghanische Armeeangehörige und Vertragsarbeiter, nahm offenbar auch Geiseln und lieferte sich bis gestern Nacht Gefechte mit afghanischen Sicherheitskräften. Zum Schluss war es offenbar nur noch ein Attentäter, der über mehrere Stunden aus seinem Versteck heraus Widerstand leistete.   

Am Vormittag präsentierte die Armee die Leichen der getöteten Angreifer. Sie trugen blutdurchtränkte Armeeuniformen. Ihre Waffen wurden den Medien am Anschlagsort auf einem Tisch zur Ansicht präsentiert.

Sicherheitskräfte präsentieren die Leichen und Waffen der Taliban nach dem Angriff auf den Flughafen von Kandahar | Bildquelle: AFP
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Sicherheitskräfte präsentierten die Leichen der elf getöteten Taliban und ihre Waffen auf dem Flughafen von Kandahar.

Mögliche Helfer bei den Sicherheitskräften

Warum das Kommando unbehelligt auf das Gelände vordringen konnte und woher die Kämpfer Waffen und Munition bekamen, ist unklar. Die Armeeführung will eine Untersuchungskommission einsetzen. Es liegt der Verdacht nahe, dass das Kommando Helfer in den Reihen der Streitkräfte hatte.

Eingangsbereich des Flughafens von Kandahar | Bildquelle: REUTERS
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Eine Kommission soll untersuchen, wie die Taliban durch diesen Eingang unbehelligt auf das Flughafengelände gelangten.

Die Taliban selber sprechen von einem "Märtyrer-Kommando", dem es gelungen sei, viele Soldaten des Feindes zu töten. Es ist ein Video im Umlauf, das das mutmaßliche "Märtyrer-Kommando" kurz vor dem Angriff zeigen soll. Darin richtet sich einer der Kämpfer direkt an US-Präsident Barack Obama. "Obama, Du bist nicht sicher in Afghanistan. Wenn Ihr hier seid, werden wir Euch töten", sagt der Mann in schlechtem Englisch. Später heißt es: "Wir kommen zu Euch" - und: "Wir werden Eure Technologie und Eure Macht töten." 

Abseits der Propaganda zeigt der Angriff einmal mehr, dass die Taliban in der Lage sind, militärisch komplexe Kommando-Aktionen durchzuführen. Ende September war es ihnen gelungen, Kundus für mehrere Tage einzunehmen - eine Provinzhauptstadt im Norden, in der die Bundeswehr zehn Jahre lang stationiert war.

US-Stützpunkt auf Flughafen blieb unbehelligt

Die Stadt Kandahar hat für die Taliban großen Symbol-Charakter. Die Metropole im Süden Afghanistans war bis zum Sturz ihres Regimes Ende 2001 das Machtzentrum der Islamisten. Heute sind dort am Flughafen auch nach dem Abzug der meisten internationalen Kampftruppen noch immer viele US-Soldaten und CIA-Kräfte stationiert. Die internationalen Truppen betonen, dass es dem Taliban-Kommando nicht gelungen sei, auf das Rollfeld oder in die Nähe ihres Stützpunktes vorzudringen.

Der Angriff auf den Flughafen fällt in eine Zeit, in der es viele Gerüchte um gewaltsame Machtkämpfe in den Reihen der Taliban gibt. Seit Tagen kursieren verschiedene Varianten der Nachricht, dass der umstrittene neue Taliban-Anführer Mullah Akhtar Mansoor bei einer internen Schießerei schwer verletzt oder sogar getötet worden sein soll. Mullah Mansoor ist in den eigenen Reihen umstritten, weil er mithalf, den Tod von Mullah Omar rund zwei Jahre lang zu verheimlichen. Mullah Omar galt als Gründungsvater der Taliban.

Verdacht auf Zusammenhang mit Regionalkonferenz

Gruppenbild der Regionalkonferenz "Heart of Asia" | Bildquelle: AFP
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Sollte der Angriff in Kandahar die Gespräche bei der zeitgleichen Regionalkonferenz "Heart of Asia" - hier ein Gruppenbild der Teilnehmer - beeinflussen?

Zeitgleich zum Angriff auf den Flughafen Kandahar fand in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad die Regionalkonferenz "Heart of Asia" statt. Es gibt nicht wenige, die vermuten, dass ein Zusammenhang besteht. Sollen Friedensgespräche verhindert werden? Die USA und auch Verbündete wie Deutschland üben großen Druck auf Afghanistan und Pakistan aus, mit Vertretern der afghanischen Taliban zu verhandeln.    

Bei der Konferenz in Islamabad nahmen die misstrauischen Nachbarn Afghanistan und Pakistan nach vielen erbitterten Wortwechseln seit August den Gesprächsfaden wieder auf. Alles nur Schau? Die beiden Länder beschuldigen sich, die Taliban-Bewegungen im jeweils anderen Land zu unterstützen. Afghanistan vermutet, dass Pakistan einen souveränen afghanischen Staat nicht dulden will. 

Das pakistanische Militär gilt auch im Westen als wichtigster Unterstützer der afghanischen Taliban. Offiziell gilt die Atommacht als Verbündeter im US-geführten Krieg gegen den Terror. Doch es steht der Vorwurf im Raum, dass Pakistan ein doppeltes Spiel spielt und ausgewählte extremistische Gruppen unterstützt, um seinem großen Erzrivalen Indien zu schaden.

Land der nicht erklärten Stellvertreterkriege

Die afghanische Regierung ihrerseits macht Pakistan für alles verantwortlich, was in den eigenen Reihen schiefläuft. Dieser Reflex soll auch vom eigenen Versagen ablenken. Von Korruption, von internen Streitigkeiten, von mangelnder Rechtsstaatlichkeit und schlechter, egoistischer Regierungsführung.   

Ob Sowjetunion oder USA, Iran oder Saudi-Arabien, Pakistan oder Indien, Russland oder USA, China oder USA, Iran oder USA: Afghanistan ist seit fast vier Jahrzehnten ein Schauplatz für (nicht erklärte) Stellvertreterkriege und schnell wechselnde Allianzen.

Machtspiele und Militär verdrängen zivile Politik

Strategische Machtspiele, Militär und Geheimdienste, Waffen und Drogen verdrängen zivile Politik. Viele einflussreiche Vertreter der afghanischen Machteliten sind Kriegsfürsten mit Blut an den Händen, denen es vor allem um ihren persönlichen Machterhalt geht.

Der Konflikt ist für keine Seite militärisch zu gewinnen. Den Preis bezahlen Afghanistans Zivilisten. In Kandahar genauso wie in Kundus. Auch im Nachbarland Pakistan sind es die Zivilisten, die den höchsten Preis für den "Kampf gegen den Terror" zahlen. Es ist ein Kampf mit unklaren Fronten. Es ist ein Kampf mit versteckten Spielern und politischen Motiven, die den Tod billigend in Kauf nehmen.

Dieser Beitrag lief am 09. Dezember 2015 um 23:31 Uhr im Deutschlandfunk.

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