Großdemonstration in Afghanistan Wütender Schrei nach Sicherheit

Stand: 12.11.2015 09:34 Uhr

Es war eine der größten Demonstrationen in Afghanistan seit 2001: Tausende gingen am Abend in Kabul gegen Terror und Gewalt auf die Straße. Für Sicherheit sorgen sollen künftig wieder mehr deutsche Soldaten. SPD-Verteidigungsexperte Arnold sagte der "Berliner Zeitung", die Bundesregierung wolle die Obergrenze für den Afghanistan-Einsatz von 850 auf 980 Soldaten erhöhen.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi

Die letzten gingen erst nach 1:00 Uhr nachts: Es war eine der größten Demonstrationen, die Kabul seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor 14 Jahren gesehen hat, ein Schrei nach mehr Sicherheit. Männer, Frauen, Kinder zogen zu Tausenden durch die Straßen - aus dem Westen der Stadt, durch Kälte und Regen, rund 10 Kilometer zum Präsidentenpalast.

Demonstration gegen Terror in Afghanistan. | Bildquelle: REUTERS
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An der Spitze des Demonstrationszuges trugen Menschen Särge.

An der Spitze des Demonstrationszuges trugen Menschen sieben Särge auf ihren Schultern. In den Särgen lagen sieben Opfer, die am Wochenende enthauptet in der umkämpften Provinz Zabul im Südosten Afghanistans aufgefunden worden waren. Vier Männer, zwei Frauen und ein neunjähriges Mädchen, alle Angehörige der schiitischen Minderheit der Hazara. Die Täter: vermutlich sunnitische Extremisten. Vielleicht Taliban, vielleicht Anhänger des "Islamischen Staates". Die Wut auf die Regierung wächst: "Wir verlangen, dass der Präsident zu uns kommt und uns erklärt, warum diese Menschen sterben mussten. Warum gibt es in unserem Land keine Sicherheit? Er erfüllt die Versprechen nicht, die er uns gegeben hat," sagten Demonstranten.

"Tod den Taliban"

Einige Demonstranten warfen Steine auf den Amtssitz von Präsident Ashraf Ghani. Sicherheitskräfte schossen in die Luft, um die Menge zurückzudrängen. Doch die große Mehrheit blieb friedlich. Die meisten Demonstranten riefen "Tod den Taliban", "Tod dem Islamischen Staat", andere forderten den Rücktritt der afghanischen Regierung. Das Fernsehen übertrug live.

Demonstration gegen Terror in Kabul. | Bildquelle: dpa
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Es war eine der größten Demonstrationen in Afghanistan seit Sturz des Taliban-Regimes.

Der öffentliche Druck nötigte Präsident Ghani zu einer Rede an die Nation. "Unsere Feinde wollen unsere nationale Einheit zerstören und unsere Volksgruppen gegeneinander aufhetzen, religiös und ethnisch", warnte Ghani mit ungewohnt ruhiger, leiser  Stimme. Und: "Ich werde wie ihr nicht ruhen, bis die Täter ihrer gerechte Strafe erhalten haben. Ich habe unsere Sicherheitskräfte angewiesen, unsere nationalen Straßen zu sichern, damit sich so ein Vorfall nicht wiederholt."

Dann machte er ein Versprechen, das er mit einer deutlichen Warnung verband. Nichts wäre in der jetzigen Lage schlimmer als die Rückkehr zu einem Bürgerkrieg, in dem sich die Bevölkerung entlang religiöser und ethnischer Unterschiede bekämpft wie nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen in den 1990er-Jahren. Dieser Bürgerkrieg war der Nährboden des Taliban-Regimes. "Wir werden das Blut unserer Landsleute rächen. Aber wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass alles passieren kann, wenn wir es nicht schaffen, unsere Gefühle zu kontrollieren. Wir sollten alle Handlungen vermeiden, die zu Anarchie führen."

Zivilisten in Afghanistan haben viele Feinde

In den vergangenen Monaten hat es mehrfach brutale Übergriffe auf Angehörige der schiitischen Minderheit Afghanistans gegeben. Die Hazara machen zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung aus. Meistens wurden die Opfer auf Straßen überfallen und entführt. Viele wurden später erschossen oder enthauptet. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind nicht in der Lage, die Bevölkerung ausreichend zu schützen. Im Osten Afghanistans buhlen Taliban und Kämpfer, die sich zum "Islamischen Staat" bekennen, rücksichtslos um die Vorherrschaft. Anderswo im Land geraten Zivilisten zwischen die unklaren Fronten rivalisierender Milizen. Afghanistans Zivilisten haben viele Feinde.

Tausende demonstrieren gegen Taliban und IS
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
12.11.2015 08:19 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 13. November 2015 um 10:07 Uhr auf inforadio.

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