Afghanisches Militär in Kundus | Bildquelle: AFP

Kampf um Kundus Jederzeit droht ein neuer Angriff

Stand: 02.10.2015 09:05 Uhr

Nach der Einnahme der Stadt Kundus durch die Taliban haben afghanische Regierungstruppen mithilfe ausländischer Soldaten den Ort zurückerobert. Doch die Lage ist fragil - die Islamisten könnten jederzeit einen neuen Vorstoß wagen.

Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Tausende sind auf der Flucht. Etwa zehn Menschen quetschen sich in das kleine Auto. Die Familie will nur noch raus aus Kundus. Weg von Gewalt, Missbrauch und Todesangst. Der junge Mann, der am Steuer sitzt, hat das Vertrauen verloren. "Wir wollen, dass die Regierung Kundus zurückerobert", sagt ein Bewohner. "Uns ist die Flucht gelungen, aber es sind noch immer Familienangehörige in der Stadt gefangen. Wir verlangen nur eins: Wir wollen nur Sicherheit von unserer Regierung."

Ein Mitglied der afghanischen Armee (ANA) schwenkt die Nationalflagge während eines Anti-Taliban-Protestes in Kabul am 1. Oktober. | Bildquelle: dpa
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Ein Mitglied der afghanischen Armee (ANA) schwenkt die Nationalflagge während eines Anti-Taliban-Protestes in Kabul am 1. Oktober.

Die Regierung hat die Rückeroberung vorschnell verkündet. Als Präsident Ashraf Ghani am Donnerstagnachmittag in Kabul erneut vor die Presse tritt, fallen in Kundus noch immer Schüsse. Afghanische Sicherheitskräfte arbeiten sich mühsam vor, unterstützt von amerikanischen Spezialeinheiten. Auch Bundeswehrsoldaten aus dem deutschen Feldlager im rund 170 Kilometer entfernten in Masar-i-Sharif sind erneut vor Ort. Am Gefechtsstand am Flughafen vor der Stadt, in unmittelbarer Nachbarschaft zum alten Feldlager, in dem heute afghanische Sicherheitskräfte untergebracht sind. Die Soldaten seien zur Abstimmung und Beratung nach Kundus gereist, betont das Einsatzführungskommando in Potsdam.

Trotz Rückeroberung tobt ein Häuserkampf

Einzelne Taliban-Kommandos haben sich in der Provinzhauptstadt in Nordafghanistan in Wohnhäusern verschanzt. Im Zentrum tobt den ganzen Donnerstag lang ein Häuserkampf, auch in den Außenbezirken kommt es zu heftigen Gefechten. Kameras fangen Bilder der Zerstörung ein: zerbombte Autos, ausgebrannte Häuser, geplünderte Geschäfte. "Wir sind sehr froh, dass die Menschen in Kundus und in ganz Afghanistan ihren Tag mit guten Nachrichten beginnen konnten", sagt der afghanische Präsident Ghani trotzdem unverdrossen, der während des Taliban-Sturms auf Kundus sein erstes Amtsjubiläum gefeiert hat.

Ghani lobt die Tapferkeit und das Durchhaltevermögen seiner Sicherheitskräfte. Er spricht von einer erfolgreichen Operation in Kundus. Doch seine Regierung muss sich die Frage gefallen lassen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass es rund 2000 Kämpfern der Islamisten am Montag quasi im Handstreich gelungen war, die Provinzhauptstadt zu erobern. "Der Kampf um Kundus ist kein interner Kampf oder ein Stammeskampf. In Kundus sind viele internationale Terrornetzwerke vor Ort. Diese Netzwerke aus Usbeken und Tschetschenen haben nichts mit Afghanistan zu tun, doch sie wollen unser Land in ein Schlachtfeld verwandeln. Ich appelliere an das afghanische Volk, sie zu isolieren."

Afghanen suchen Schutz in Pakistan
tagesschau 12:00 Uhr, 02.10.2015, Markus Spieker, ARD Neu-Delhi

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"Wir müssen die Versäumnisse untersuchen"

Die Streitigkeiten innerhalb seiner Regierung, die auch in Kundus zu Machtkämpfen geführt haben, spricht der Präsident nicht an. Die Milizen der lokalen Kriegsfürsten, die vor dem Sturm der Taliban die Zivilbevölkerung drangsaliert haben, ebenso wenig. Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah kündigt unterdessen eine Untersuchung an, um aus den Fehlern zu lernen: "Es gibt immer noch Widerstandsnester, unsere Truppen werden immer noch angegriffen, aber die Stadt als Ganzes ist erneut befreit worden", sagt er. "Kundus ist eine bedeutende Stadt. Wir mussten mit einer Offensive der Taliban rechnen. Wir müssen die Versäumnisse untersuchen, die es den Taliban erlaubt haben, Kundus so schnell zu überrennen."

Selbst wenn die Stadt Kundus heute wieder unter Regierungskontrolle ist: In der gleichnamigen Provinz kontrollieren die Taliban und ihre Verbündeten weite Gebiete. Wie in vielen anderen Provinzen auch. Die Islamisten können jederzeit einen neuen Vorstoß wagen – während sich die von den USA erzwungene Regierung der nationalen Einheit in Kabul weiter interne Machtkämpfe liefert.       

Der Kampf um Kundus am Freitag morgen
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
02.10.2015 07:49 Uhr

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