Flüchtlingskinder laufen durch die afghanische Wüste (Foto: Jürgen WEbermann/ARD)

Serie: Afghanistan - der verdrängte Krieg Das unbemerkte Flüchtlingsdrama

Stand: 10.08.2015 16:13 Uhr

Allein in diesem Jahr sind 100.000 Afghanen vor den Kämpfen zwischen Taliban, Regierung und IS geflohen. Insgesamt gelten 900.000 Menschen in Afghanistan als Flüchtlinge im eigenen Land. Ihre Lage ist verheerend.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi

Sie leben mitten in einer Wüste. An den Hügeln des Distrikts Dehdadi, 20 Kilometer von Masar-i-Sharif in Nordafghanistan entfernt, wächst nichts, aber auch gar nichts. Einen Kilometer weiter unten im Tal gibt einen kleinen Fluss, aber die wenigen grünen Felder gehören den Einheimischen. Hier, in diesem Niemandsland, sind Ghulam Sakhi und Khan Mohammad mit ihren Familien gestrandet.

Verstreut auf einem vielleicht zwei, drei Fußballfelder großen Areal suchen Hunderte Menschen unter einfachen Planen Schutz. Diejenigen, die schon länger hier sind, haben sich kleine Lehmhütten gebaut. Die Kinder laufen barfuß, ihre Kleidung ist verdreckt, die Haare verfilzt. Ihre Blicke sind skeptisch und ernst.

Zwei Flüchtlinge mit Bart und Turban
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Khan Mohammad (rechts) hat sein Zuhause vor einem halben Jahr auf der Flucht vor den Taliban verlassen.

Khan Mohammad, der Älteste, lädt in sein neues Zuhause. Es besteht aus einer weißen Plane, unter der ein paar Kissen liegen. "Vor sechs Monaten haben die Taliban unsere Häuser umzingelt", erzählt er. "Wären wir nicht geflüchtet, hätten sie alles niedergebrannt und uns alle getötet."

Schreckensmeldungen aus Faryab

Ein paar Männer setzen sich dazu. Wie Khan Mohammad stammen alle aus dem Distrikt Sherintagab in der Provinz Faryab, vier Autostunden von Masar-i-Sharif entfernt. In Faryab toben seit Monaten heftige Kämpfe. Es gibt Schreckensmeldungen über Selbstmordanschläge, über großangelegte Angriffe der Taliban. Bilder von brennenden Armee- und Polizeiautos und zerstörten Häusern.

"In unserem Dorf gab es einen Polizeistützpunkt", erinnert sich Ghulam Sakhi. "Die Taliban haben ihn zerstört, sie haben alle Polizisten getötet und uns gesagt: Entweder ihr macht jetzt bei uns mit, oder wir töten euch."

Ein kleines Flüchtlingsmädchen lacht in die Kamera
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Die Kinder laufen barfuß durch die Wüste, ihre Haare sind verfilzt.

Die Bevölkerung flieht vor den Taliban

Ghulam und seine Familie lebten von den Feldern rund um ihr Haus, bis die Taliban im Februar ihr Dorf eroberten. "Wir sind geflohen, als sie gerade beim Abendgebet waren. Wir haben alles zurückgelassen, Anziehsachen, Schuhe, alles. Wir sind auf einem Motorrad geflohen." Er sagt, die Taliban hätten sechs Verwandte von ihm ermordet.

Khan Mohammad glaubt, dass sein Haus jetzt eine Basis der Extremisten ist. "Wir sind in kleinen Gruppen geflohen, eine Familie nach der anderen", sagt er. So weit weg wie möglich wollten sie. Die Gegend um Masar-i-Sharif gilt als sicher. Ein Einheimischer überließ den ersten Flüchtlingsfamilien im Frühjahr das karge Stück Land, auf dem sie jetzt hausen. Die anderen stießen später dazu.

Einmal seien Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR vorbei gekommen, um sich ein Bild zu machen, sagt Ghulam Sakhi. "Wir haben nichts hier. Wir leben von trockenen Früchten und Wasser", beklagt er sich. "Niemand hilft uns, weder die lokale Regierung noch irgendwelche Geschäftsleute."

Das unbemerkte Flüchtlingsdrama

In Afghanistan spielt sich, unbemerkt von der Öffentlichkeit, ein Flüchtlingsdrama ab. Die Kämpfe zwischen Regierung, Taliban und neuerdings auch "Islamischem Staat" haben seit Januar 100.000 Menschen  in die Flucht geschlagen, schätzt der Norwegische Flüchtlingsrat, der seit langem in Afghanistan arbeitet. 900.000 Menschen sind derzeit Flüchtlinge im eigenen Land.

vvv
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Eine weiße Plane dient Khan Mohammad als Unterschlupf.

In der Wüste bei Masar-i-Sharif sind etwa 70 Familien gestrandet, sagen die Männer unter Khan Mohammads Plane. Zusammen seien sie fast 1000 Menschen. Eine Rückkehr ist derzeit ausgeschlossen. Die Armee und die Polizei haben es nicht geschafft, die Taliban entscheidend zurück zu drängen.

Das sagt auch Khal Mohammad, einer der Männer unter der Plane: "Mein Bruder kämpft für die Polizei. Manchmal rufe ich ihn an. Er sagt, dass unser Dorf fest in Taliban-Händen ist. Er meint, die Kämpfe seien sogar sehr nahe an die Provinzhauptstadt gerückt."

15.000 Flüchtlinge auch in Kundus

Vier Flüchtlingskinder stehen in der afghanischen Wüste
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Die Kinder dürfen wenigstens im Nachbardorf zur Schule gehen.

Nicht nur in Faryab mussten Menschen fliehen. Auch in anderen nordafghanischen Provinzen, zum Beispiel in Kundus. Dort zählten die Vereinten Nationen im Mai mindestens 15.000 Flüchtlinge. In Kundus war bis 2013 die Bundeswehr stationiert. Wie es weiter gehen soll, wissen die Männer unter Mohammad Khans Zeltplane nicht. Die Kinder dürfen immerhin im nächstgelegenen Dorf zur Schule gehen.

"Wir werden wohl noch lange hier bleiben müssen", meint Khal Mohammad ratlos. "Irgendwann müssen wir doch zurück. Unser Dorf ist doch unsere Heimat!", sagt Ghulam Sakhi.

Die beiden verdingen sich manchmal als Tagelöhner. Aber das reicht nicht mal für ein Glas Tee. In der Wüste bei Mazar-i-Sharif geht es ums nackte Überleben.

Die Flüchtlinge von Faryab
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
10.08.2015 15:08 Uhr

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