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Das neu gewählte ägyptische Parlament ist zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetreten. Den Ton angeben werden die Parteien der gemäßigten und strengen Islamisten. Sie stellen zusammen rund drei Viertel der Abgeordneten.
Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo
[Bildunterschrift: Alles soll glänzen am Eröffnungstag: letzte Restaurierungsarbeiten vor dem Parlamentsgebäude. ]
Nur ein paar Hundert Meter vom Tahrir-Platz entfernt im Zentrum von Kairo stellen neugierige Passanten, Polizisten und Soldaten am ägyptischen Parlamentsgebäude. Anstreicher pinseln die Bordsteine neu an und die alten, gusseisernen Zäune. Der letzte Feinschliff.
Tagelang hatten Arbeiter das instand gesetzt, was bei den Straßenschlachten vergangenen Dezember demoliert worden war: Sie rissen Barrikaden ein, ersetzten eingeschlagene Fensterscheiben und übertünchten Hauswände, die mit revolutionären Sprüchen vollgeschmiert waren. Zur Sitzung der neuen Volksvertretung soll alles glänzen.
Das ägyptische Abgeordnetenhaus ist eines der Schmuckstücke von Kairo: Gebaut in den 1920-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, finden sich in seiner Fassade gleich mehrere Architektur-Stile wieder. Innen gleicht es einem Museum: Hier eine Kutsche des letzten Königs, dort herrliche alte Ledersessel, Stuckdecken mit Kronleuchtern, Säulengänge, Gemälde an den Wänden.
Aber der Trubel verhindert einen ruhigen Rundgang: Elektriker ziehen letzte Kabel durch die Gänge, Putzmänner kehren Staub, Journalisten melden sich in einem Konferenzraum als Parlamentsreporter an - und über allem hängt der Geruch von frischer Farbe. Mitten in diesem Chaos steht, in einen bescheidenen, aber ordentlichen grauen Anzug gekleidet, Nagah Saad Mahrous Nabet. Etwas verloren blickt er um sich, was nicht verwundert, ist er doch zum ersten Mal hier. Er will sich seinen künftigen Arbeitsplatz angucken. Nabet ist nämlich einer von insgesamt 498 erstmals frei gewählten Abgeordneten, die heute zusammentreten. Ein wichtiger Tag für ihn.
Für ein Gespräch auf dem Flur ist es Nabet eindeutig zu laut. Kurzerhand zieht er seine Gäste in den Plenarsaal, in dem nur ein paar Spezialisten sind, die die Tontechnik prüfen. "Ich habe das Gefühl der Freude und Stolz, weil ich an der Zukunft meines Landes mitarbeiten werde, auch an der Zukunft meiner Kinder und der Zukunft des ganzen arabischen Raumes."
Der 55-Jährige stammt aus dem Nildelta, aus der Provinz Gharbeya. Er ist Abgeordneter der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, dem politischen Arm der Muslim-Brüder. Sie halten fast die Hälfte aller Parlamentssitze. Nabet zeigt auf die grünen Sessel, die ähnlich angeordnet sind wie im Britischen Unterhaus, und sagt: "Unsere Plätze sind dort, rechts von der Opposition."
Die Sitzordnung steht also bereits fest. Ebenso haben die Parteien ausgehandelt, wer zum Parlamentspräsidenten gewählt wird - Nabets Parteikollege Saad al-Katatn. Unter seiner Leitung werden die Abgeordneten zügig eine Kommission wählen, die eine neue Verfassung für Ägypten ausarbeiten soll. "Die Verfassung steht im Vordergrund. Sie soll neu gestaltet werden, so dass alle Paragraphen, die für das private Interesse des ehemaligen Regimes formuliert wurden, gestrichen werden. Die Verfassung soll eine zu Gunsten des Volkes sein."
Neben der Wahl einer Verfassungskommission steht die Bildung verschiedener Ausschüsse an: "Zur Bekämpfung der Korruption zum Beispiel. Dazu kommt die Entwicklung und Förderung der Ausbildung, des Gesundheitssektors, des wissenschaftlichen Fortschritts und von Entwicklungsprojekten, die die ägyptische Wirtschaft vorantreiben sollen", erzählt Nabet.
Die so genannte revolutionäre Jugend, die den Regimewechsel vor fast einem Jahr erstritten hat, ist kaum im Parlament vertreten. Stattdessen stellen die Islamisten - gemäßigte wie strenge - zusammen rund drei Viertel aller Abgeordneten. Das findet Nabet bedauerlich. Jedenfalls etwas. Aber er sagt auch: "Es war schließlich die Wahl des Volkes. Und Freiheit heißt ja, dass das Volk wählt."
Eine Regierung werden die Parlamentarier nicht bestimmen. Dieses Recht behält sich der Oberste Militärrat vor, der Ägypten seit dem Sturz von Hosni Mubarak vergangenen Februar beherrscht. Erst wenn eine neue Verfassung verabschiedet und ein neuer Präsident gewählt ist, soll er diese Macht wieder abgeben.
Es ist ein Phase des Übergangs, die die Ägypter durchlaufen. Auch Nagah Saad Mahrous Nabet aus dem Nildelta wird sich an seinem neuen Arbeitsplatz zurechtfinden müssen und sich eine Wohnung in Kairo suchen. "Einerseits werde ich für die Sitzungszeiten einen Wohnsitz in Kairo haben. Wenn es keine Sitzungen gibt, dann muss ich in meinem Wahlkreis sein, um die Probleme dort beseitigen zu können."
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