Interview

Interview zur Lage in Ägypten "Ultimatum an Mubarak ist problematisch"

Stand: 01.02.2011 17:02 Uhr

Vier Tage Zeit zum Rücktritt gibt die ägyptische Opposition Präsident Mubarak - ein riskantes Ultimatum, meint der Nahost-Experte Fürtig im Interview mit tagesschau.de. Ein entscheidender Faktor sei nun das Verhalten der Armee, die bei einem Umsturz viel zu verlieren habe.

tagesschau.de: Die ägyptische Opposition führt große Worte im Munde: Sie will Präsident Mubarak bis Freitag los sein. Woran entscheidet sich, ob sich der Präsident halten kann?

Henner Fürtig: Ich halte dieses Ultimatum für ziemlich problematisch. Bis Freitag sind es noch vier Tage. Da stellt sich die Frage, ob die Oppositionsbewegung so lange ihren Schwung halten kann. Ich glaube, Mohammed ElBaradei wollte mit dieser Ankündigung verhindern, dass es heute, am Dienstagabend, zu einem Showdown kommt, um es einmal ganz drastisch auszudrücken. Aber in diesem Augenblick hat die Opposition Millionen Menschen auf der Straße. Wahrscheinlich wäre es da klüger gewesen, sofort eine Entscheidung zu erzwingen.

Zur Person

Henner Fürtig ist Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg.

Henner Fürtig, GIGA Institut für Nahost-Studien, im Gespräch
EinsExtra 16:15 Uhr, 01.02.2011

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"Viele Vertraute Mubaraks sind geflüchtet"

tagesschau.de: Auf wen kann sich Mubarak jetzt noch stützen?

Fürtig: Diese Gruppe wird immer kleiner. Viele seiner engsten Vertrauten sind in den letzten Tagen schon außer Landes geflohen. Und gestern Abend hat die Armee mit ihrem Statement, sie werde nicht auf friedliche Demonstranten schießen, eine ganz klare Position bezogen, die sich nicht mehr mit den Interessen Mubaraks deckt.

Demonstrant in Kairo hält ein Anti-Mubarak-Plakat in die Höhe | Bildquelle: dapd
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Die Demonstranten in Kairo fordern Mubaraks Rückzug bis Freitag.

tagesschau.de: Mubarak ist aus der Armee hervorgegangen - bisher ging man immer davon aus, dass ihn das Militär stützen würde.

Fürtig: Ja, aber die Armee hat unglaublich viel zu verlieren. Die Armee stellt zusammen mit der nationalen Einheitspartei, der NDP, und dem staatlichen Wirtschaftssektor die drei Säulen des Regimes. Die Armee hat enorme wirtschaftliche Macht: Rüstungsindustrie, Infrastruktur und Transportwesen. Jetzt muss sie sich entscheiden, wie sie ihre Privilegien sichert. Wenn sie das ohne Mubarak besser schafft als mit Mubarak, dann hat sie sich längst entschieden.

"Armee versteht sich als Bewahrer der Ordnung"

tagesschau.de: Wie lässt sich die Armee politisch einordnen? Würde sie beispielsweise auch eine neue Regierung unter Beteiligung der Muslimbrüder tolerieren?

Die Armee soll in der ägyptischen Hauptstadt Kairo für Sicherheit sorgen | Bildquelle: AP
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Sichtbare Armeepräsenz in Kairo

Fürtig: Die Armee versteht sich seit 1953 als unpolitische Organisation. Sie sieht sich als Bewahrer der republikanischen Ordnung und als Gralshüter der ägyptischen Staatlichkeit. Sie wird wahrscheinlich für eine Übergangszeit die Stabilität sichern, dann aber die Regierung in andere Hände legen. Wir müssen davon ausgehen, dass seit Dienstag vergangener Woche hinter den Kulissen intensiv über Szenarien nachgedacht wird, was nach Mubarak passieren könnte.

"Die Proteste werden sich in der Region ausweiten"

tagesschau.de: Was bedeutet die unsichere Situation in Ägypten für die Region?

Fürtig: Nach Tunesien ist jetzt mit Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land betroffen. Damit ist für mich völlig klar: Die Proteste werden sich noch ausweiten. Wir haben bereits erste Signale in Jemen und Jordanien gesehen.

tagesschau.de: Wie beurteilten Sie die Rolle des Westens, der öffentlich bisher eher zurückhaltend agierte?

Fürtig: Der Westen hat viel zu verlieren. Es geht um Stabilität in einer Region, in der über 60 Prozent der internationalen Erdöltransportwege verlaufen und 40 Prozent der Erdölvorräte liegen. Aber der Westen hat über Jahrzehnte diese Stabilität höher bewertet als demokratische Veränderungen. Jetzt geht es darum, ob man diesen alten Weg weitergehen will und sich damit bei den zukünftigen politischen Kräften in der Region den Kredit verspielt.

Das Interview führte Fiete Stegers, tagesschau.de

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