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Ein Generalstreik sollte das öffentliche Leben in Ägypten zum Erliegen bringen. Doch viele waren nach massivem Druck der Regierung offenbar eingeschüchtert, es gab nur wenig Resonanz auf den Streikaufruf. Der Anlass für die Wut der Menschen bleibt: Die Preise für Lebensmittel, die sich viele nicht mehr leisten können.
Von Golineh Atai, ARD-Fernsehstudio Kairo
[Bildunterschrift: Bäckerei in Kairo produziert Fladenbrot mit subventioniertem Weizen. ]
Um fünf Uhr morgens herrscht in der Bäckerei von Abdallah Hochbetrieb. Zwanzig Säcke subventioniertes Mehl hat er bekommen. Drei Stunden Zeit hat er, um daraus 4200 Brotfladen zu backen. Als die staatlichen Inspektoren hereinkommen, werden die Angestellten nervös. Wenn die Menge der Fladen der Menge des Mehlsäcke nicht entspricht, gibt es Probleme. Die Befürchtungen bewahrheiten sich: "Also, hier ist der Teig nicht aufgegangen", sagt ein Inspektor. "Die billigen Fladen sind mal wieder schlecht, die haben nicht genug Hefe hineingetan."
Die Inspektoren rechnen, zücken den Stift. 500 Euro Strafe muss die Bäckerei zahlen. Der Verdacht: Der Bäcker habe wohl zwei Säcke subventioniertes Mehl verschwinden lassen, und sie auf dem Schwarzmarkt fürs Zehnfache weiter verkauft. Bäcker Abdallah ist empört: "Das ist Unrecht. Der Staat will mich fertig machen. Bitte, dann soll die Armee das Billig-Brot backen, ich mach den Laden dicht!"
[Bildunterschrift: Seit Jahresbeginn stiegen die Ausgaben eines Haushalts um fünzig Prozent. ]
Um sechs Uhr hat der Kampf um die Fladen begonnen. Fünf Stück kosten umgerechnet zwei US-Cent. Im Supermarkt würden die Wartenden ein Vielfaches zahlen, doch das kann sich hier niemand mehr leisten. Die Fladen im Supermarkt nennen sie deshalb "Touristenfladen". Zwei Stunden später hat Bäcker Abdallah kein subventioniertes Brot mehr. "Geht heim, in Gottes Namen. Ich hab nur noch die Fladen für ein Pfund. Wenn ihr die nicht wollt, geht heim."
Ein paar Straßen entfernt, in einem der Armenviertel Kairos, stehen sie manchmal drei Stunden an für fünf Fladen. Eine Kundin ist bewusstlos geworden. Das Gedränge ums Hauptnahrungsmittel der Ägypter überlebten eben nur die fittesten, sagen die Leute. Vergangene Woche hat es hier eine Messerstecherei gegeben.
In der wartenden Menge gibt es Unmut: "Ein Kilo Reis kostet jetzt vier Pfund, Nudeln kosten fünf Pfund. Wie soll ich das bezahlen? Soll ich stehlen? Ich hab drei Kinder und wir leben immer noch bei meinem Vater!" Jemand anders meint, dass die Armee einschreiten müsse und das Brot verteilen. "Anders geht’s nicht".
[Bildunterschrift: Auch Normalverdiener sind auf subventioniertes Brot angewiesen. ]
Zehn Pfund verdient der Parkplatzwächter des Viertels jeden Tag. Im Monat kommt Tarek auf umgerechnet vierzig Euro - wenn es gut läuft. Ein Drittel der Ägypter leben genau wie er, seine Frau und seine vier Kinder: Knapp unter oder genau an der Armutsgrenze. Sie spüren die Inflation und die weltweite Weizenknappheit am meisten.
"Wir essen meistens Kartoffeln, Auberginen, Zucchini. Kräftige Sachen gibt es alle Jubeljahre. Das Größte für uns sind die Knochenteile, die vom Hühnchen so übrigbleiben", erzählt Tarek. Seine Frau Mayada ergänzt: "Die Preise klettern jeden Tag! Gestern wollte ich die Tomaten zum Preis von vorgestern kaufen. Der Händler hat mir die Tüte aus der Hand gerissen."
Wenn Tareks Frau Mayada auf den Markt geht, dann dauert das Stunden. In Kairos Armenviertel Boulaq schimpfen, drohen und fluchen die Mütter an den Marktständen. Seit Beginn des Jahres sind die Ausgaben eines Haushalts in Ägypten um durchschnittlich fünfzig Prozent gestiegen. Beim Feilschen liegen die Nerven der Frauen blank. "Möge Gott dein Haus zerstören!", ruft Mayada dem Händler zu. So teure Preise, das sei Sünde, wo bleibe sein Gewissen.
Im Stadtteil Garden City wohnen keine armen Leute. Mona Mina ist seit fast 25 Jahren Kinderärztin in einem staatlichen Krankenhaus in Garden City. Aber ein eigenes Auto kann sie sich von gerade mal achtzig Euro Gehalt im Monat nicht leisten, deshalb fährt sie U-Bahn.
Mona und ihre Kollegen haben den Verein "Ärzte ohne Rechte" gegründet. Eigentlich wollten die Ärzte heute zum ersten Mal streiken, aber die Regierung hat den Ärztestreik verboten. Mona klingt frustriert: "Die Ärzte zählen eben nicht mehr zur oberen Mittelklasse. Das war mal. 80 Euro decken nicht die Lebenshaltungskosten. Und die Preise steigen astronomisch."
Doch die Ärzte sind nicht die ersten, die protestieren. Textilarbeiter im Nildelta legten als erste die Maschinen still. Fünf Euro mehr Gehalt fordern sie. Und lösten damit eine Lawine aus. Die Steuerbeamten gingen als nächstes auf die Straße. Der Streik vermischt sich mit politischen Parolen gegen das Regime. Mona und ihre Kollegen versammeln sich zum Sit-in: "Die Linsen sind zu teuer", rufen sie. "Die Ärzte sind hungrig, der Streik ist legal!"
"Ärzte ohne Rechte" ist auch auf einem Forum von Oppositionellen und Globalisierungsgegnern Vertretern. Dort begegnen sich all jene, die wissen wollen, warum Ägyptens Wirtschaftswachstum von zuletzt sieben Prozent bei so vielen Bürgern nicht ankommt. Mona klagt: "Die Leute sagen mir: Es gibt einen Ärzteeid, ihr könnt nicht streiken. Aber Ärzte sind auch nur Menschen. Keine Engel. Sie müssen essen, sich kleiden, sich weiterbilden."
Nach dem Sonnenuntergang in Kairo ziehen die Bäcker der Armee durch die Straßen von Kairo. Der Präsident hat angeordnet, große Mengen Weizen im Ausland zu kaufen und Billig-Fladen zu backen. Polizisten in Zivil scheuchen Journalisten weg, die die Szene beobachten: "Haut ab, hier gibt’s nichts zu zeigen." Die Spannung scheint greifbar, denn mit der Friedfertigkeit der Armen könnte es bald vorbei sein. Manche beschwören schon den Fladenbrotkrieg.
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