Verzweifelte Angehörige nach den Todesurteilen in Minia.

Prozess gegen Mursi-Anhänger in Kairo 15 Minuten für 683 Todesurteile

Stand: 28.04.2014 13:14 Uhr

Nach nur 15 Minuten Verhandlung hat ein ägyptisches Gericht 683 Anhänger des gestürzten Präsidenten zum Tode verurteilt. Unter ihnen ist auch das Oberhaupt der Muslimbruderschaft, Badie. Angehörige der Verurteilten reagierten mit Verzweiflung.

Von Sabine Rossi, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Rund 1200 Polizisten haben die Straßen rund um das Gericht gesichert. Der zuständige Richter ist in Ägypten nicht unumstritten. Nach nur 15 Minuten verkündet er das Urteil: Gegen die 683 Angeklagten verhängte er die Todesstrafe. Unter den Verurteilten ist auch das Oberhaupt der Muslimbruderschaft, Mohammed Badie.

"Die Angehörigen haben daraufhin laut geschrien und geweint", berichtet ein Reporter des staatlichen ägyptischen Fernsehens. "Sie haben Polizisten und Soldaten beleidigt, die um das Gericht stehen. Es ist ein großes Polizeiaufgebot. Viele Nebenstraßen sind gesperrt."

Der Führer der Muslimbruderschaft, Badie, in einem Käfig im Gerichtssaal im Februar.
galerie

Der Führer der Muslimbruderschaft, Badie, in einem Käfig im Gerichtssaal im Februar.

Die Angeklagten sollen im August eine Polizeistation in El-Minya überfallen haben und dabei einen Polizisten getötet haben. Zwei weitere Polizisten überlebten nur knapp. Außerdem hätten die Verurteilten Waffen gestohlen und Gefangene gewaltsam befreit.

Vollstreckung der Urteile ist fraglich

Dass die Urteile vollstreckt werden, ist unwahrscheinlich. Im ersten Teil des Verfahrens hatte der Richter Ende März bereits 529 Angeklagte zum Tode verurteilt. Gerade einmal zwei Stunden dauerte der Prozess. Das Urteil von März hat der Richter heute abgemildert. 37 Todesurteile ließ er bestehen, 492 weitere wandelte er in lebenslange Haftstrafen um. Zuvor hatte er den Rat des Großmufti von Ägypten eingeholt - ein Vorgang, der bei Todesurteilen festgeschrieben ist.

683 Todesurteile gegen Mursi-Anhänger
S. Rossi, ARD Kairo
28.04.2014 13:19 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

"Der Mufti hatte sogar empfohlen, 82 Angeklagte zum Tode zu verurteilen", sagt Saaid Medien von der Gewerkschaft der Rechtsanwälte in Ägypten. "Mit 37 Todesurteilen ist der Richter noch unter der Empfehlung des Mufti geblieben. Dessen Meinung ist nur beratend. Der Richter darf davon abweichen." Gegen die Urteile von heute kann Berufung eingelegt werden. Prozessbeobachter gehen davon aus, dass das Verfahren vor einem höheren Gericht neu aufgerollt wird.

Hartes Vorgehen gegen Muslimbruderschaft

Wenige Wochen vor den Ausschreitungen in El-Minya vergangenen August war die Regierung des islamistischen Präsidenten Mursi abgesetzt worden. Die Armee hatte Protestlager seiner Anhänger in Kairo brutal geräumt. In El-Minya stürmten danach Unterstützer der Muslimbruderschaft Polizeiposten und steckten Kirchen in Brand.

Die Übergangsregierung und das Militär in Ägypten gehen mit harter Hand gegen die Muslimbruderschaft vor. Die Organisation wurde inzwischen verboten. Seit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi wurden mehr als 1.400 seiner Anhänger getötet. Tausende weitere sitzen im Gefängnis. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Anschläge auf Polizeistationen und Armeeposten drastisch an.

Darstellung: