Ägypten: Hasserfüllte Stimmung gegen Putschgegner

Hasserfüllte Stimmung in Ägypten

Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Dem jungen Kairoer Schehab soll der Prozess gemacht werden, weil er angeblich einem Dieb einen Finger abgehackt hat. Seine Freunde glauben aber an einen anderen Grund: Schehab hatte die Entmachtung Mursis kritisiert.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Ein kleines ägyptisches Modelabel wirbt für seine T-Shirts mit Gitarrenpop. In dem Werbeclip ist ein junger Mann zu sehen, den die Arbeit im Büro nervt und der seine Kündigung schreibt. Dann zieht er ein T-Shirt mit einem Graffitimotiv an, das er eben noch selber an einen Brückenpfeiler sprühte. Er springt aufs Mountainbike und fährt davon. "Sei anders", steht auf Arabisch auf seinem T-Shirt.

Der 25-jährige Mann aus dem Video heißt Schehab Abul-Eila. Am 15. Juli tauchte er in den Nachrichten auf: "Sicherheitskräfte nahmen auf der Ringautobahn von Kairo vier Verdächtige fest", berichtete die amtliche Nachrichtenagentur MENA. "Die Männer hatten zuvor auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz einem Taschendieb einen Finger abgeschnitten." Schehab ist einer der Verdächtigen.

Mursi-Anhänger demonstrieren in Ägyptens Hauptstadt Kairo. (Bildquelle: REUTERS)
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Gegner der Entmachtung Mursis durch das Militär haben keinen leichten Stand.

Hasserfüllte Stimmung

Die Meldung sorgte für Aufsehen. Sie trifft auf eine hasserfüllte Stimmung, die sich gegen jeden wendet, der die Entmachtung Mursis kritisiert.

Schehab war tatsächlich mit den drei anderen und dem Dieb im Wagen vom Rabaa-al-Adawija-Platz gekommen. Sie hatten dort gegen den Militärputsch demonstriert. Für die schockierte Öffentlichkeit stand fest: Islamistische Extremisten führten in Selbstjustiz die Scharia ein und hackten einem Dieb den Finger ab.

"Schehab ist ein super Typ"

Wer jedoch mit Freunden von Schehab redet, bekommt eine Person beschrieben, die das Gegenteil von einem religiösen Fanatiker ist: "Zeig mir einen Extremisten, der alle 'Harry-Potter'-Bücher gelesen hat, den 'Hobbit' und den 'Herrn der Ringe'", sagt Ehab. Er ist Student an der Deutschen Universität in Kairo und seit seiner Kindheit mit Schehab befreundet. "Zeig mir einen Extremisten, der den 'König der Löwen' liebt und den 'Toy Story'-Cowboy Woody als Puppe zu Hause hat", sagt er.

Hexenjagd gegen Militaerputschgegner in Ägypten
J. Stryjak, ARD Kairo
23.07.2013 11:35 Uhr

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Langhaariger Rockfan

Schehab hat Literatur studiert, er liest viel und geht zu Rockkonzerten. Auf Fotos im Internet ist zu sehen, wie er feiert - das Haar schulterlang und offen oder zum Pferdeschwanz gebunden. Andere Fotos zeigen, wie er mit Kindern Seifenblasen bläst: Schehab arbeitet ehrenamtlich in Waisenhäusern.

Mostafa, ebenfalls Student an der Deutschen Uni, der Schehab als engagierten jungen Mann bei einem Seminar über Menschenrechte kennenlernte, sagt über ihn: "Er ist einfach der super hilfsbereite, freundliche Typ. Er war die beliebteste Person bei uns. Wann immer einer abends ausgehen oder shoppen wollte, hat Schehab gesagt: 'Komm, ich zeig' dir wo!'"

Verhängnisvolle Fotos aus dem Gazastreifen

Was am 15. Juli auf dem Platz Rabaa al-Adawija wirklich geschah, kann nicht unabhängig überprüft werden. Vieles weist aber darauf hin, dass Schebab und seine Begleiter Opfer eines Irrtums wurden. "Sie hatten beobachtet, wie der Dieb von einem wütenden Mob auf frischer Tat ertappt und übel zugerichtet wurde", erzählt Schehabs Freund Ehab. "Sie retteten den Dieb, steckten ihn ins Auto und versuchten, eine Klinik zu finden. Aber alle Krankenhäuser wiesen sie ab. Dann gerieten sie in eine Polizeisperre."

So erzählte es auch Schehab der Polizei. Doch auf seinem Handy fanden die Beamten Fotos von einem Besuch im Gazastreifen: Demonstranten vom Rabaa al-Adawija, die in Gaza waren - die Sache schien klar: Extremisten mit Kontakten zur Hamas.

Einen Hilfskonvoi nach Gaza begleitet

Schehabs Kommilitone Mostafa erzählt, dass dieser 2012 tatsächlich in Gaza gewesen sei, mit einem Hilfskonvoi für Bedürftige, organisiert von Studenten der Deutschen und der Amerikanischen Universität in Kairo. "Das haben alle gemacht, auch die Säkularen und die Linken", sagt Mostafa. Natürlich habe Schehab auch fotografiert: "Und wegen der Fotos sitzt er jetzt im Gefängnis."

Gegen Schehab und die drei anderen Männer wird ein Prozess vorbereitet - es könnte ein kurzer Prozess werden. Die Vorwürfe gegen Schehab lauten: versuchter Mord und Spionage. In einem Klima, in dem das Böse vorgeführt werden soll, ist ein faires Verfahren nicht unbedingt zu erwarten.

Dieser Beitrag lief am 23. Juli 2013 um 10:33 Uhr auf InfoRadio.

Stand: 23.07.2013 12:47 Uhr

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