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Ausschreitungen in Ägypten
Kairo zwischen Protest und Randale
Die Gegner von Präsident Mursi fordern in Kairo Tag für Tag bei Protesten seinen Rücktritt. Bei Straßenschlachten mit der Polizei wurden in der Nacht zwei Demonstranten erschossen. Zudem nutzten Plünderer das Chaos und überfielen ein Luxushotel. Die Grenze zwischen Protest und Randale ist fließend.
Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Das Hotel Semiramis Intercontinental befindet sich am Nil in der Nähe des Tahrir-Platzes. Bewaffnete Männer nutzten das Chaos vor dem Fünf-Sterne-Hotel jetzt aus, stürmten das Gebäude und verwüsteten die Lobby. Seit Tagen wird vor und neben dem Gebäude erbittert gekämpft.
20 Meter links und rechts neben dem Eingang fliegen Steine und Tränengasgranaten. Dazwischen schweißen Arbeiter alle Fenster und Türen zu. Schüsse sind zu hören. Wenn der Stein-Regen näher kommt, gehen die Arbeiter in Deckung. Vor dem Tränengas fliehen sie ins Hotelinnere. Sie hasten durch eine kleine Seitentür und müssen an einem Gepäck-Scanner vorbeiklettern. Das Gerät blockiert den Eingang zum Schutz vor Angreifern.
Intercontinental-Luxushotel überfallen und geplündert
J. Stryjak, ARD Kairo
30.01.2013 08:17 Uhr
Lobby komplett verwüstet
In der Lobby ein Bild der Verwüstung: überall Glasscherben und Trümmer. Viele Mitarbeiter haben das Haus verlassen. Wer jetzt noch da ist, trägt einen Mundschutz gegen das Tränengas und bringt hektisch Mobiliar in Sicherheit.
Die Lobby wird auch von innen verbarrikadiert. Ein Manager organisiert die Arbeiten. "Wir geben keine Informationen im Moment", erklärt er nervös, "wir sind damit beschäftigt, unser Hotel zu schützen."
Ein Sinnbild für das bizarre Chaos
Die Lage im und um das Haus herum ist ein Sinnbild für das bizarre Chaos, das derzeit an etlichen Schauplätzen im Land herrscht. Jene, die hier unermüdlich Steine auf die Polizisten werfen, sind zornige Jugendliche, auch Kinder. Auf der Seite der Polizei werfen junge Männer in Zivil und Kinder die Steine zurück. Dazwischen das Hotel im Nebel des Tränengases und im Rauch brennenden Holzes.
"Unser Dank allen Revolutionären"
Als die bewaffneten Männer kamen, um das Hotel zu überfallen und zu plündern, eilten Demonstranten vom nahen Tahrir-Platz herbei. "Die Männer sind ins Hotel gestürmt. Schlägertrupps", erzählt einer der Demonstranten, "sie haben randaliert. Aber wir haben das Hotel beschützt."
Die Demonstranten halfen bei der Evakuierung von über 40 Gästen. Ein paar von den Angreifern nahmen sie fest. "Unser Dank allen Revolutionären, die uns beistanden. Ihr seid großartig", twitterte die Hotelleitung später.
Demonstranten fordern sofortigen Rücktritt Mursis
ARD-Morgenmagazin, 30.01.2013, Matthias Ebert, ARD Kairo
"Ausnahmezustand und Ausgangssperren sind doch keine Lösung"
"Die Demonstrationen verlaufen friedlich", sagt Saif al Islam Abdel Bary, der stellvertretende Governeur von Kairo bei einer Besichtigung des ruinierten Hotels, "aber es mischen sich Leute darunter, die Gewalt und Zerstörung wollen. Wir bekämpfen sie." Er zeigt auf die Bereitschaftspolizisten. Die Grenze zwischen Protest und Randale ist inzwischen fließend.
Auch außerhalb Kairos demonstrierten am Abend und in der Nacht wieder Tausende, zum Beispiel in Port Said, Ismailiyya und Alexandria, und wieder kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen.
"Ausnahmezustand und Ausgangssperren sind doch keine Lösung", sagt dieser Passant in Kairo. "Sicherheitsmaßnahmen ersetzen nie die politische Lösung. Der Präsident sollte sich die Forderungen der Leute anhören und versuchen, sie zu erfüllen."
Stand: 30.01.2013 08:52 Uhr
