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Ausschreitungen in Ägypten
Die Opposition hadert - die Muslimbrüder handeln
Mindestens sieben Tote und 500 Verletzte - das ist die traurige Bilanz nach den Protesten zum zweiten Jahrestag des Volksaufstands in Ägypten. Während die zerstrittene Opposition viele Menschen gar nicht mehr zu erreichen scheint, hat die Muslimbruderschaft bereits mit dem Wahlkampf begonnen.
Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo
In Ismailija randalierten wütende Männer in einem Gebäude der Muslimbruderschaftspartei. Sie verwüsteten die Büroräume und warfen Möbel auf die Straße. Auch in Kairo, Suez, Damanhur und in anderen Orten wurden Büros der Bruderschaft und Gebäude lokaler Behörden verwüstet oder in Brand gesteckt. Am Präsidentenpalast versuchten Demonstranten, auf das Gelände vorzudringen. Einen Sturm auf das Gebäude des Staatsfernsehens verhinderte die Polizei mit einem besonders aggressiven Tränengas, das nach Sekunden schon unerträgliche Schmerzen in Augen und Atemwegen verursacht.
"Die Leute sehen nicht, das sich ihr Leben verbessert hat"
"Die Gewalt ist doch eine normale Reaktion in einem Land, das in einem schlechteren Zustand ist als unter Mubarak", sagt einer jener Demonstranten, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo friedlich protestieren. "Die Leute sehen nicht, dass sich ihr Leben verbessert hat durch die Revolution." Er könne nicht so lange warten, bis sich in Ägypten eine Opposition entwickelt hat, die den Muslimbrüdern wirklich die Stirn bieten kann, sagt ein anderer Demonstrant.
Der Politologe Khalil al Anani wirft der Opposition vor, außerstande zu sein, die Wut so vieler Menschen auf die Muslimbruderschaft politisch zu nutzen. "Die Revolution geht weiter", sagt Hamdin Sabbahi, einer der Oppositionsführer. "Wir werden es nicht zulassen, dass Ägypten ein Staat der Muslimbrüder wird. Wir fordern eine Verfassung, die alle im Land repräsentiert und die Rechte aller schützt." Doch mit ihrem Diskurs über Verfassungsfragen, Zivilgesellschaft und Bürgerrechte erreicht die Opposition kaum die Menschen in den Armenvierteln und auf dem Lande.
Tote bei Protesten in Ägypten
J. Stryjak, ARD Kairo
26.01.2013 04:03 Uhr
Muslimbrüder schon mitten im Wahlkampf
Währenddessen hat die Muslimbruderschaft, anders als die zerstrittene Opposition, längst mit dem Wahlkampf begonnen. Im Frühjahr sind Parlamentswahlen. Die Bruderschaft beseitigt Schlaglöcher, will eine Million Bäume pflanzen, verteilt Lebensmittel und organisiert kostenlose medizinische Betreuung.
Bei den jüngsten Straßenschlachten von Gegnern der Islamisten entlud sich die Wut derer, denen die politischen Instrumente fehlen. Und es tauchen Akteure auf, die immer gewaltbereiter sind. Am Donnerstagabend bereits zogen Mitglieder einer Gruppe auf den Tahrir-Platz, die sich "Schwarzer Block" nennt. Die vermummten Männer warfen Steine und Molotow-Cocktails und rissen eine Absperrung aus Betonblöcken nieder.
Tote bei Protesten am zweiten Jahrestag der Revolution
tagesschau24 12:00 Uhr, 26.01.2013, Sandra Havenith, DW
Im Internet ist seit gestern ein Video zu sehen, in dem sich Anhänger eines "Schwarzen Blocks" in Alexandria präsentieren. Maskierte Männer marschieren zu martialischer Musik über eine Brücke und tragen eine Fahne mit dem "A" der Anarchisten. Ihr Ziel sei die Beseitigung der "faschistischen Tyrannei der Muslimbruderschaft".
Männer, die sich zum "Schwarzen Block" bekennen, zündeten gestern Reifen vor dem Haus der Präsidentenfamilie in der Provinz Al Sharkija an, sie blockierten Straßenbahngleise in Alexandria und nahmen dort und in Kairo an Straßenschlachten teil. Die Gruppe sorgt für Aufregung, aber niemand weiß, wer hinter ihr steckt. Im Programm des Fernsehsenders der Muslimbruderschaft wurde sie als Beweis dafür präsentiert, dass es sich bei der Opposition um gewaltbereite Extremisten handelt.
Stand: 26.01.2013 11:28 Uhr
