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Auseinandersetzungen vor Präsidentenpalast in Kairo
Zehntausende fordern Rücktritt des "neuen Pharaos"
In Ägypten haben erneut Zehntausende gegen Präsident Mursi und dessen Machtpolitik demonstriert. Vor dem Präsidentenpalast in Kairo forderten sie den Rücktritt des "neuen Pharaos". Dort kam es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei - mehrere Menschen wurden verletzt.
Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Es herrscht eine Stimmung wie in den Tagen der Revolution, ausgelassen und entschlossen gleichzeitig. Zehntausende Demonstranten haben sich vor dem Amtssitz von Präsident Mohammed Mursi versammelt, sie singen und klatschen, trommeln und fordern in Sprechchören immer wieder den Rücktritt des Präsidenten. Auf Plakaten steht: "Nein zur Verfassung". Auf Transparenten wird der Präsident als "neuer Pharao" kritisiert. "Wir möchten nicht von einem Pharao regiert werden", sagt eine Demonstrantin, "wir haben Mubarak nicht gestürzt, um einen zu bekommen, der noch mächtiger ist."
Proteste gegen Verfassung in Kairo
J. Stryjak, ARD Kairo
04.12.2012 23:41 Uhr
Vor knapp zwei Wochen hatte Ägyptens erster islamistischer Präsident per Dekret fast alle Gewalten im Staat an sich gerissen. Immer wieder sind Demonstranten zu sehen, denen es offenbar wichtig ist, auf Transparenten zu zeigen, dass ihr Widerstand gegen Mursi keiner gegen die Religion ist. Ein Mann liest sein Plakat vor: "Bei Gott", steht auf ihm geschrieben, "ich bin Muslim" - "Genauso wie die Muslimbrüder", fügt er hinzu, "trotzdem lehne ich die Verfassung ab. Unsere Verfassung muss alle Ägypter widerspiegeln, nicht nur die Muslimbrüder. Die Bruderschaft hat die Verfassung an sich gerissen."
Zu den Protestmärschen hatten ganz unterschiedliche Organisationen und Bündnisse aufgerufen. Entsprechend bunt ist das Treiben: viele Frauen, mit und ohne Kopftuch, Studenten, ältere Männer in traditioneller Kleidung. Die Proteste verlaufen weitgehend friedlich.
Mehrere Verletzte bei Protesten gegen Mursi in Kairo
tagesschau 20:00 Uhr, 04.12.2012
"Sie haben Angst vor den Leuten"
Als Demonstranten eine Absperrung einreißen, setzen Sicherheitskräfte Tränengas ein. "Sie haben Angst vor den Leuten", sagt ein ein Mann, der vor dem Tränengas mit einem Papiertuch vor der Nase flüchtet, "sie wollen keine Demonstrationen." Als Jugendliche auf einen Mannschaftswagen der Polizei klettern, scheint die Situation zu eskalieren. Sofort bilden andere Demonstranten eine Menschenkette und geleiten den Wagen aus der Menge. "Friedlich, friedlich", rufen sie dabei im Sprechchor. Rund zwei Dutzend Menschen sollen bislang verletzt ins Krankenhaus Heliopolis gebracht worden sein.
Wenig Sicherheitskräfte zu sehen
Insgesamt sind erstaunlich wenig Sicherheitskräfte zu sehen, weder auf den Straßen um den Präsidentenpalast herum, noch direkt vor seinen Mauern und Toren. Der Präsident soll das Anwesen vor Beginn der Proteste verlassen haben. Die Organisatoren hatten im Vorfeld eindringlich an die Teilnehmer appelliert, friedlich zu demonstrieren.
Zur selben Zeit protestieren auch auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Zehntausende. Auch in Alexandria, Hurghada, Luxor, Assiut und Minya gingen am Abend Menschen auf die Straße. Insgesamt sollen es über 100.000 Menschen gewesen sein, die am Dienstag demonstrierten - vor allem gegen die neue Verfassung. Die Gegner Mursis befürchten, dass mit ihr Persönlichkeitsrechte eingeschränkt werden könnten.
Stand: 05.12.2012 00:19 Uhr
