Blumen für die Opfer des Blutbades in Kairo (Bildquelle: REUTERS)

Ägyptisches Militär setzt Macht durch Gezielte Schüsse auf Islamisten

Stand: 28.07.2013 21:30 Uhr

In Ägypten erobert das Militär immer rücksichtsloser die Macht zurück. Bürgerrechtler warnen davor, dass der alte Sicherheitsapparat reaktiviert wird. EU-Außenbeauftragte Ashton führt in Kairo erneut Vermittlungsgespräche mit der neuen Führung und Vertretern der Muslimbruderschaft.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Die Bürgerbewegung Tamarrod hat vor der Rückkehr von Mubaraks berüchtigtem Staatssicherheitsapparat gewarnt. Die Bewegung unterstütze den Kampf gegen Terrorismus. Der dürfe aber nie im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen oder Freiheiten einschränken. Das erklärte Mahmoud Badr. Er ist der Sprecher jener Bewegung, die die Massenproteste vom 30. Juni initiierte. In deren Folge entmachtete das Militär Präsident Mohammed Mursi.

Die Erklärung der Bewegung erschien nur einen Tag nach dem Blutbad in der Nähe des zentralen Protestcamps von Mursi-Anhängern im Kairoer Stadtteil Nasr City.

Straßenbarrikaden von Mursi-Anhängern am Tag nach den tödlichen Zusammenstößen. (Bildquelle: dpa)
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Straßenbarrikaden von Mursi-Anhängern am Tag nach den tödlichen Zusammenstößen.

Die Bewegung kritisierte Innenminister Mohammed Ibrahim scharf. Der war nach dem Blutbad vor die Presse getreten und hatte bestätigt, dass bestimmte Abteilungen des Staatssicherheitsdienstes, die nach der Revolution abgeschafft worden waren, bereits wieder arbeiten. Mit Bezug auf die Äußerungen des Ministers erklärte der Tamarrod-Sprecher, man werde es niemals wieder akzeptieren, dass politische Aktivisten verfolgt würden.

Gezielte Schüsse auf Islamisten

Im Feldlazarett an der Rabaa-al-Adawiyya-Kreuzung schildern Ärzte die Ereignisse vom Samstag. Das Lazarett gehört zum Protestcamp der Mursi-Anhänger. Hierher waren Dutzende Verletzte und Tote gebracht worden.

"Es waren so viele, dass ich rausging, um zu gucken, was dort geschah", sagt der Arzt Mahmoud Al-Araby. "Ich sah Schlägerbanden in Zivil, hinter denen Polizisten standen, und alle schossen. Ich brachte einen Patienten mit einem Herzschuss ins Lazarett. Aber wir konnten ihn nicht retten."

Auch die Ärztin Amal Ahmed war entsetzt über die Zahl der Opfer und über die Art der Verletzungen. "Allen Getöteten wurde entweder in den Kopf oder in die Herzgegend geschossen. Das konnten nur Scharfschützen getan haben."

Ein Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erklärte, es sei kaum vorstellbar, dass es zu so vielen Toten hätte kommen können ohne die Absicht zu töten. Nach der Auswertung des umfangreichen Videomaterials und nach der Befragung von Zeugen veröffentlichte die Organisation einen ersten Bericht. Rund 80 Prozent der Getöteten sollen von Scharfschützen erschossen worden sein.

Ungerechtfertigt brutale Reaktion der Polizei

Es ist unklar, aus welchem Grund die Lage an jenem Morgen eskalierte. Niemand weiß bislang, wer die Scharfschützen waren. Belegt ist, dass Mursi-Anhänger mit Steinen und Molotov-Cocktails gegen die Sicherheitskräfte vorgingen. Human Rights Watch hält die brutale Reaktion der Polizei dennoch für ungerechtfertigt.

"Die Tatsache, dass diesem tödlichen Feuer von solch einem Ausmaß die Ankündigung des Übergangspräsidenten vorausging, dass man jetzt die Ordnung herstellen würde", so heißt es in dem Bericht, "legt nahe, dass es eine schockierende Bereitschaft bei der Polizei und bei Politikern dazu gibt, die Gewalt gegen Mursi-Anhänger zu verstärken."

EU-Außenbeauftragte Ashton fordert Beilegung der Krise in Ägypten
tagesschau 12:00 Uhr, 29.07.2013

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