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Ausschreitungen in Ägypten
"Nicht die Revolution, für die wir bewundert wurden"
Kein Ende der Gewalt in Ägypten: Während des Trauerzugs für die Opfer der Gewalt vom Vortag sind drei Menschen in der Stadt Port Said ums Leben gekommen. 400 Menschen wurden bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei verletzt. Die Gewalt erschüttert auch Mursis Kritiker.
Von Jürgen Stryjak, ARD-Hörfunkstudio Kairo
Zehntausende nahmen in Port Said am Trauerzug für die Opfer der jüngsten Ausschreitungen teil. Mehrere Dutzend Menschen wurden in der Stadt seit Samstag getötet, nachdem ein Gericht 21 Anhänger des örtlichen Fußballklubs El-Masry zum Tode verurteilt hatte.
Seitdem wird in Port Said gegen dieses Urteil protestiert. Demonstranten stürmten Polizeistationen, ein Elektrizitätswerk, ein Gerichts- und mehrere Verwaltungsgebäude. Unbekannte schossen dabei auch scharf. Die überforderte Polizei zog sich zurück, und Präsident Mursi schickte Soldaten in die Stadt.
Zehntausende nehmen an Trauerzug in Port Said teil
J. Stryjak, ARD Kairo
27.01.2013 18:36 Uhr
Bei dem Trauerzug am Nachmittag brach kurzzeitig eine Panik aus, nachdem Schüsse zu hören waren. "Mursi ist der Feind Gottes", riefen die Demonstranten in Sprechchören.
Militär versucht, die Lage in Suez zu kontrollieren
In der Stadt Suez, wo seit Freitag bei Gewaltausbrüchen mindestens acht Menschen getötet wurden, sorgt das Militär seit Samstag für Ruhe. "Überall in Suez ist das Militär jetzt stationiert", erklärt ein General der Armee. "Militärpatrouillen fahren durch alle Straßen, nicht nur durch die Hauptstraßen. In ein paar Stunden haben wir alles im Griff, allerdings wird es länger dauern, bis wir die Randalierer festgenommen haben", sagt er.
Die Gewalt der Mursi-Gegner, die seit Donnerstag in etlichen Städten des Landes herrscht, erschüttert auch viele Kritiker des Präsidenten: "Sechs Monate Ausnahmezustand ist die einzige Lösung", sagt ein Mann in Alexandria. "Das sind doch Verbrecher und Rowdys. Das ist doch nicht mehr die Revolution, an der wir teilnahmen und für uns die ganze Welt bewundert hat."
Kritik an der politischen Opposition
Immer öfter wird kritisiert, dass die politische Opposition die Gewalt der Mursi-Gegner nicht verurteilt. Der populäre Oppositionspolitiker Abdel-Moneim Aboul-Futouh rief zu einem Krisentreffen der derzeit wichtigsten Köpfe im Land auf. Aboul-Futouh gehörte jahrzehntelang zur Führungsriege der Muslimbruderschaft, galt aber länger schon als reformorientiert. Kurz nach der Revolution wurde er aus der Bruderschaft ausgeschlossen. Die Hauptverantwortung für die Eskalation der letzten Tage liege bei Präsident Mursi, sagt er.
Aber auch die Opposition und andere Gruppen treffe eine Mitschuld. Die Inflation von Wörtern wie "Verräter, Ungläubiger und Spalter" zeige, in welcher Gefahr sich das Land befindet. Die verfeindeten Parteien müssten so schnell wie möglich ins Gespräch kommen.
Aboul-Futouh lud Muhammad ElBaradei , Kheirat El-Shater, Saad El-Katatni und Hamdin Sabbahi zu einem Krisentreffen mit dem Präsidenten ein. Mursi müsse sofort und persönlich mit ihnen sprechen, Ägypten brauche dringend diesen Dialog. Aboul-Futouh nennt hier - neben dem Präsidenten – die derzeit vier wichtigsten Leute im Land: den Strippenzieher bei der Muslimbruderschaft, den Vorsitzenden der Bruderschaftspartei und die beiden einflussreichsten säkularen Oppositionspolitiker.
Ob es tatsächlich zu solch einem Treffen kommt, ist fraglich. Aboul-Futouh wird wegen seiner Bruderschaftsvergangenheit von den Säkularen und Liberalen gemieden.
Gewaltsame Auseinandersetzungen in Ägypten finden kein Ende
tagesschau 20:00 Uhr, 27.01.2013, Matthias Ebert, ARD Kairo
Stand: 27.01.2013 20:31 Uhr
