Stadt Sechster Oktober | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Flüchtlinge in Ägypten "Jede Hölle in Europa ist besser"

Stand: 02.03.2017 02:47 Uhr

Dass sich in Europa die Stimmung gegenüber Migranten deutlich geändert hat, hat sich auch unter Flüchtlingen in Ägypten herumgesprochen. Es ändert aber wenig an ihren Plänen. Das nordafrikanische Land ist für sie nur eine Zwischenstation.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Der Park in der Stadt "Sechster Oktober" ist nicht viel mehr als eine einst grüne Straßenecke. Der Boden durchweicht, im Schlamm Habseligkeiten, in den Bäumen Hemden und Hosen zum Trocknen. Hier lebt Ibrahim, wie 20, 30 andere Flüchtlinge auch - Männer, Frauen, Kinder.

Ibrahim, Anfang 50, stammt aus Eritrea und ist seit 40 Jahren auf der Flucht. Als er ein kleiner Junge war, flohen seine Eltern mit ihm vor politischer Verfolgung und blutiger Gewalt in den Sudan. Sich dort ein gutes Leben aufzubauen, gelang Ibrahim aber über Jahrzehnte nicht.

In einem Restaurant erzählt er, dass er sich 2013 schließlich auf den Weg nach Norden machte. Seine Frau ließ er in einem Flüchtlingslager im Ost-Sudan zurück. "Meine Reise dauerte sieben Tage. Ich habe 500 Dollar für die Flucht nach Libyen bezahlt, aber sie brachten mich nur nach Ägypten."

Ein Ausweis, der wenig hilft

Ein Büro des UN-Flüchtlingshilfswerks in der Stadt "Sechster Oktober" ist jeden Tag die Anlaufstelle für Menschen, die sich als Flüchtlinge registrieren möchten - der erste Schritt, um von den Behörden im Land geduldet zu werden. Genug Geld zum Überleben und ein Dach über dem Kopf garantiert die begehrte blaue Karte aber nicht.

Ibrahim verdient ein paar Euro am Tag damit, Neuankömmlingen beim Ausfüllen der UN-Formulare zu helfen. Der Park ist seit mehr als drei Jahren sein Zuhause. Ägypten - ein Land, in dem ohnehin jeder Dritte unterhalb der Armutsgrenze lebt - ist überfordert. Es fehlt das Geld, um die Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen,,und deren Zahl steigt: Vergangenes Jahr registrierten die Vereinten Nationen in Ägypten etwa 60 Prozent mehr Flüchtlinge, als im Vorjahr, vor allem Syrer, Sudanesen, Äthiopier und Eriträer.

Warten auf die Weiterreise

Und in Ägypten wartet nichts und niemand auf sie. Ibrahim will deshalb bald weiter, wenn das Mittelmeer wieder ruhiger ist. 3000 Dollar koste die Überfahrt nach Italien, Familienangehörige und Verwandte, die in anderen Ländern als Flüchtlinge leben, würden für ihn zusammenlegen, sagt er.

Wer die Schleuser sind und wie man an sie rankommt, das scheint hier im Stadtpark jeder zu wissen. "Es ist kein Problem, dass die Europäer keine Flüchtlinge mehr möchten", sagt Ibrahim. "Dort ist es auf jeden Fall besser, als in unseren Ländern. Jede Hölle in Europa ist besser als unsere Länder, besser als die arabischen Staaten."

Ibrahim sagt, er liebe Eritrea, seine Heimat; er erinnert sich daran, wie seine Eltern in den Berghängen Bienen züchteten. Und er weiß, wie bestimmte politische Parteien in Deutschland zu Flüchtlingen stehen. Ganz egal, sagt Ibrahim: Auch die Kinder seiner Geschwister würden sich bald auf den Weg nach Norden machen. "Es wird keinen Stopp geben. Sie werden kommen und viele andere auch, es nimmt kein Ende. Nur wenn das Regime in Eritrea geht, werden die Menschen in meinem Land bleiben."

"Jede Hölle in Europa ist besser": Flüchtlinge in Ägypten
C. Kühntopp, ARD Kairo
01.03.2017 17:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. März 2017 um 06:08 Uhr.

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