Al Sisi | Bildquelle: REUTERS

Dutzende spurlos Verschwundene Wie Ägyptens Regime Oppositionelle verfolgt

Stand: 10.12.2015 17:40 Uhr

Was in Ägypten derzeit geschieht, scheint im Westen kaum jemanden zu interessieren. Man ist damit zufrieden, dass die Verhältnisse scheinbar stabil sind. Dabei verfolgt die Regierung von Präsident al-Sisi offenbar systematisch Oppositionelle.

Martin Durm, SWR, ARD-Hörfunkstudio Kairo

"Wir kapseln uns ab in geschlossenen Kreisen, mit Freunden, denen wir vertrauen. Ich hatte nie solche Angst um mein Leben wie heute", sagt Jussef Fahim. Trotzdem ist er zum vereinbarten Treffpunkt gekommen, an einen Ort in Kairo, wo er sich halbwegs sicher fühlt und geschützt.

Früher hätte man einen wie ihn zum Interview einfach im Café getroffen. Jetzt geht das nicht mehr. Zu viele junge Leute sind in den vergangenen Monaten spurlos verschwunden: Auf dem Weg zur Schule oder zur Uni, auf der Straße oder zu Hause.

Menschenrechtsorganisationen haben 163 Fälle namentlich registriert. Sie gehen allerdings davon aus, dass die sogenannte Sicherheitspolizei wesentlich mehr Menschen verschleppt haben könnte. Vielleicht 800, vielleicht 1000 - genug jedenfalls, um Angst zu verbreiten.

Ägyptens Aktivisten haben etwas Gehetztes im Blick: "Viele meiner Freunde", sagt Jussef, "haben das Land verlassen. Hier zu leben ist nur noch schrecklich. Die Parteigänger des Regimes erklären ständig, wie schön es in Ägypten sei. Aber hier ist nichts schön. Du hast hier keine Freiheit mehr. Die meisten Leute haben die Hoffnung verloren."

Jussef ist Journalist, Filmkritiker, eigentlich befasst er sich lieber mit Kultur als mit dem Regime des ägyptischen Machthabers al-Sisi. Das Regime aber befasst sich mit Jussef, seitdem der etwas Kritisches über die Massaker vom August 2013 schrieb.

Menschen demonstrieren für die Freilassung eines inhaftierten Journalisten in Kairo | Bildquelle: AP
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Menschen demonstrieren für die Freilassung eines inhaftierten Journalisten in Kairo.

Wer die Regierung kritisiert, lebt gefährlich

Kurz nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi stürmten um sich schießende Polizeikohorten die Protestcamps der Muslimbrüder. Mindestens tausend Menschen kamen damals ums Leben. Bis heute gibt es keine Untersuchung zum Vorgehen der Sicherheitskräfte.

Jussef, selbst ein koptischer Christ, nennt das eine nationale Schande: "Ich kann doch nicht hinnehmen, dass da an drei Tagen über 1000 Menschen ermordet wurden, sagt er. Es war so kaltblütig. Ägypten hat seinen moralischen Kompass verloren. Wir leiden an Amnesie. Wir sollen vergessen, was da geschah und was al-Sisi angerichtet hat."

Solche Sätze genügen, um den Hals zu riskieren. Der Staat geht mit voller Härte gegen diejenigen vor, die abweichende politische Standpunkte haben. Der 23-jährige Student Islam Atitu beispielsweise wurde während eine Examensklausur aus dem Hörsaal der Uni verschleppt. Tage später bekam ihn seine Familie als verstümmelten Leichnam zurück. Atitu sei Mitglied der Muslimbrüder gewesen, erklärte die Polizei, und leider bei einem Schusswechsel verstorben.

"Wir haben jetzt wieder einen neuen Fall," sagt Georges Ishaq, der Leiter des nationalen Menschenrechtskomites. "Der junge Mann heißt Mustafa. Er ist seit drei Monate verschwunden. Wir wissen nicht, wo er ist. Er wurde einfach auf der Straße abgegriffen."

Es heißt, die Verschwundenen würden zunächst in normale Gefängnisse eingesperrt; in sogenannte Kühlschränke - spezielle Zellen der Sicherheitspolizei gibt. "Da wird gefoltert", sagt Ishaq. "Die erste Phase nach der Verschleppung ist offenbar besonders hart. Sie ist lebensgefährlich. Manche überstehen das nicht".

Tausende Muslimbrüder wurden nach dem Sturz ihres Präsidenten verhaftet, die Führungskader zum Tode verurteilt, die Bruderschaft als Terrororganisation gebrandmarkt und verboten. Wer heute noch dazu gehört, sitzt im Gefängnis, lebt im Exil oder geht in den Untergrund.

Al Sisi | Bildquelle: REUTERS
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Ägyptens starker Mann: Präsident al-Sisi

"Al-Sisis Politik treibt junge Männer dem IS in die Arme"

"Al-Sisis Politik treibt junge Männer dem IS geradezu in die Arme", warnt der französische Orientalist und Politikwissenschaftler Olivier Roy. Wenn man die Muslimbrüder zerschlage, lasse sich das Gewaltpotential vieler junger Leute nicht mehr kanalisieren. "Wenn sie von der Bruderschaft nicht mehr eingehegt und kontrolliert werden können, radikalisieren sie sich. Ihre Wut wird zunächst eine anarchische, individuelle sein. Aber sie wird nach einer  Struktur suchen." Und so würden diese jungen Leute am Ende zum IS kommen." 

Seit Monaten verübt der IS geradezu serienmäßig Anschläge in Ägypten: Er attackiert Armeeposten auf dem Sinai, ermordet Regimevertreter in Kairo, sprengt wohl ein russisches Passagierflugzeug. Je weniger die Staatsmacht den Terror in den Griff bekommt, umso rücksichtsloser bekämpft sie diejenigen, die abweichende politische Ansichten haben. 

"Das ist besonders beängstigend", sagt Jussef. "Unter Mubarak wurden ja auch hin und wieder Leute verschleppt. Aber da wusste man wenigstens, wohin, in welches Gefängnis." Und es habe zumindest einige Medien gegeben, die über solche Fälle berichteten. Heute sei das nicht mehr so. "Die Medien sind völlig auf al-Sisi eingeschworen. Wenn heute jemand verschleppt wird, ist er weg. Du verschwindest einfach, spurlos. Und das kann jedem passieren. Niemand weiß, wo du bist."

"Der Westen lässt uns wieder im Stich"

Was in Ägypten derzeit geschieht, scheint auch im Westen kaum jemanden zu interessieren. Die europäischen Regierungen haben das Chaos in Syrien, Irak und Libyen vor Augen. Sie sind damit zufrieden, dass die Verhältnisse in Kairo scheinbar stabil sind. Ägypten unter Sisi wird wieder als Partner bezeichnet, mit Waffen beliefert, mit 1,3 Milliarden Dollar amerikanischer Militärhilfe gestützt.

"Die Tatsache, dass in diesem Land Menschen verschwinden und dass dies auch vom Westen völlig ignoriert wird, dass sich niemand darum kümmert, dass ist für mich so erschreckend. Der Westen lässt uns wieder im Stich," sagt Jussef Fahim. "Dabei wollen wir doch das gleich wie ihr: Wir wollen ein normales Leben führen. Aber man lässt uns nicht."

      

Die Verschwundenen - wie Ägyptens Regime Oppositionelle bekämpft
M. Durm, DLF
10.12.2015 18:03 Uhr

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