Trümmer der abgestürzten Metrojet-Maschine auf der Sinai-Halbinsel | Bildquelle: dpa

Briten und USA zum Metrojet-Absturz "Wahrscheinlich Bombe an Bord"

Stand: 05.11.2015 05:16 Uhr

Die britische Regierung hält es für wahrscheinlich, dass eine Bombe den russischen Passagierjet über der Sinai-Halbinsel zum Absturz brachte. Ähnlich sehen das die US-Geheimdienste. Am Flughafen Sharm El-Sheikh gab es inzwischen personelle Konsequenzen.

Fünf Tage nach dem Absturz einer russischen Metrojet-Maschine auf der Sinai-Halbinsel verdichten sich die Hinweis auf einen möglichen Bombenanschlag als Ursache der Katastrophe, bei der alle 224 Insassen ums Leben kamen. Es gebe eine "signifikante Wahrscheinlichkeit", dass der Absturz "von einer Bombe an Bord der russischen Maschine verursacht wurde", sagte der britische Außenminister Philip Hammond am Abend nach einer Sitzung der Sicherheitskabinetts in London. Diese Einschätzung basiere auf der Prüfung "aller verfügbaren Informationen aus verschiedenen Quellen".

Großbritannien stoppt Verbindungen nach Sharm El-Sheikh

Britischer Außenminister Hammond | Bildquelle: AP
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Der britische Außenminister Hammond gab den Stopp der Verbindungen zwischen Großbritannien und dem Flughafen Sharm El-Sheikh bekannt.

Als Konsequenz änderte Großbritannien seine aktuellen Reise-Richtlinien für Ägypten. Die Regierung stoppte vorerst alle Flüge zwischen dem ägyptischen Badeort Sharm El-Sheikh und britischen Flughäfen. Die Regelung, die für Verbindungen in beide Richtung gilt, sei eine Vorsichtsmaßnahme, teilte das Amt des Premierministers mit. "Wir müssen die Sicherheit der britischen Staatsbürger an die erste Stelle unserer Überlegungen stellen. Wenn wir solche Informationen haben, dann dürfen wir nicht zögern zu handeln", sagte Hammond.

Irland schloss sich der Maßnahme an. Irische Fluggesellschaften hätten entsprechende Anweisungen erhalten, teilte die irische Luftfahrtaufsicht (IAA) mit. Auch der Luftraum über der Sinai-Halbinsel solle bis auf Weiteres gemieden werden.

Bombenschmuggel durch Flughafenpersonal?

Auch die US-Geheimdienste vermuten mittlerweile eine Bombenexplosion als Ursache für den Absturz der Passagiermaschine am vergangenen Samstag. Mehrere US-Medien berichten, dass laut Erkenntnissen amerikanischer Geheimdienste eine Bombe vor dem Start in Ägypten an Bord des russischen Airbus geschmuggelt worden sei, möglicherweise von einem Mitarbeiter des Gepäck-Service oder durch den Catering-Dienst. Auch ein Mitarbeiter im Flughafen soll demnach beteiligt gewesen sein.

Den Befehl zum Bombenanschlag habe nicht die Zentrale der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im syrischen Al-Rakka gegeben, sondern IS-Verbündete auf der Halbinsel Sinai. Diese Informationen habe der US-Geheimdienst durch abgehörte Gespräche von IS-Mitgliedern erhalten, sagte der frühere stellvertretende CIA-Vorsitzende Michael Morell im Sender NBC.

Allerdings mahnte Morell zur Vorsicht. Der Inhalt der IS-Gespräche sei nicht detailliert genug, um mit Gewissheit von einem Bombenanschlag auszugehen. Deshalb liege weder von der CIA noch von anderen Geheimdiensten eine abschließende Bewertung vor. Um alle Zweifel auszuräumen, müsse man die Auswertung der Flugschreiber und die Untersuchung der Wrackteile abwarten.

Die Datenbox ist bereits ausgelesen, doch der Stimmrekorder ist offensichlich schwer beschädigt. "Es kann eine ganze Weile dauern, bis man die Daten einsetzen kann", berichtet ARD-Korrespondent Volker Schwenk.

Volker Schwenck, ARD Kairo, zur Ursache des Metrojet-Absturzes
tagesschau24 09:30 Uhr, 05.11.2015

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US-Regierung bleibt offiziell zurückhaltend

Im Gegensatz zur britischen Regierung hält sich die Regierung von US-Präsident Barack Obama auch mit öffentlichen Äußerungen zurück. Der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, wollte nicht einmal bestätigen, dass Obama von den Geheimdiensten über mögliche Absturzursachen informiert wurde. Auch der Sprecher von Außenminister John Kerry warnte vor voreiligen Schlüssen. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es nicht hilfreich, wenn die US-Regierung ihre Ansichten in die Ermittlungen einfließen lasse.

Die Behörden in Russland und Ägypten hatten einen Anschlag bislang als unwahrscheinlich bezeichnet. Ägyptens Außenminister Samih Schukri bezeichnete denn auch die britische Entscheidung, Flüge zu stoppen, als "vorzeitig und ungerechtfertigt". Auf die Frage, ob er einen Terroranschlag für möglich halte, sagte er dem US-Sender CNN, das müsse die Untersuchung klären. Ägyptens Präsident al-Sisi ist derzeit zu einem Staatsbesuch in Großbritannien und trifft am Vormittag Premierminister David Cameron - dabei wird der Absturz auch zur Sprache kommen.

"Es ist ganz klar, warum man so deutlich wird", sagt ARD-Korrespondent Thomas Aders zu den Äußerungen aus Ägypten. Jedes Gerücht über einen terroristischen Akt habe einen negativen Einfluss auf die sowieso schon schwächelnde Tourismusindustrie. "Das ist für Ägypten eine absolute Katastrophe, hier hängen unwahrscheinlich viele Arbeitsplätze an der Tourismusindustrie", so Aders.

Thomas Aders, ARD Kairo, zur Sicherheitslage in Sharm El-Sheikh
tagesschau 12:00 Uhr, 05.11.2015

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Flughafenchef ausgetauscht

In Ägypten selbst wurde am Abend der bisherige Chef des Flughafens von Sharm El-Sheikh versetzt und durch einen Piloten ersetzt. Der Schritt habe allerdings nichts mit der medialen Skepsis rund um die Flughafensicherheit zu tun, beteuerte Adel Mahgub, der Vorsitzende des ägyptischen Staatskonzerns, der für die zivilen Flughäfen des Landes zuständig ist.

Britischer Außenminister bekräftigt Verdacht auf Bombe
S. Pieper, ARD London
05.11.2015 11:12 Uhr

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Mit Informationen von Jens-Peter Marquardt, ARD-Hörfunkstudio London, und Martin Ganslmeier, ARD-Hörfunkstudio Washington.

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