Aus Deutschland abgeschobene Asylsuchende am Flughafen in Kabul (Archivbild 2016) | Bildquelle: AP

Abschiebung nach Afghanistan Rückkehr in ein Kriegsland

Stand: 11.07.2018 17:36 Uhr

69 Menschen wurden vergangene Woche nach Afghanistan abgeschoben. Einer von ihnen ist mittlerweile tot. Die Abgeschobenen werden vor Ort betreut - unter schwierigen Bedingungen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Acht Jahre lang hatte der junge Mann in Deutschland gelebt, zuletzt in Hamburg. Vergangene Woche war der mehrfach verurteilte Straftäter nach Kabul abgeschoben worden. Dort ist er nun in einem Hotel tot aufgefunden worden. Er habe sich erhängt, sagt Hafiz Miakhil vom Flüchtlingsministerium in Kabul. Mit 68 anderen Abgeschobenen sei der 23-Jährige am 4. Juli in Kabul angekommen, bestätigt Laurence Hart. Er ist der Leiter der Internationalen Organisation für Migration in Kabul.

Diese Organisation der Vereinten Nationen, kurz IOM, kümmert sich in Absprache mit den afghanischen Behörden anfangs um die Menschen, die aus Europa abgeschoben werden. Wie bei allen anderen besorgten die Mitarbeiter der IOM auch dem 23-Jährigen eine Unterkunft für die ersten Tage, weil der junge Mann niemanden in Kabul kannte. Geboren wurde er in Nordafghanistan, in der Provinz Balkh. Dorthin, so hat es der Mann wohl den Mitarbeitern der IOM gesagt, habe er auch wieder zurückgehen wollen.

Abgeschobene häufig psychisch stark angeschlagen

Mitarbeiter der IOM bieten den Abgeschobenen in Gesprächen vor allem organisatorische Hilfe an. Sie erklären beispielsweise, welche Hilfen die Abgeschobenen in Anspruch nehmen können oder welche Dokumente sie vorlegen müssen.

Die Bundesregierung verteilt über die IOM sogenannte Wiedereingliederungshilfen - 700 Euro, wenn die Rückkehrer eine Fortbildung machen oder einen Laden eröffnen wollen. Das ist in Afghanistan allerdings sehr schwierig. Die Wirtschaft im Land liegt am Boden. Die Abgeschobenen seien sehr häufig psychisch stark angeschlagen, sagt Fareshta Querees.

Von Schamgefühlen regiert

Sie arbeitet in Kabul für die "Internationale Psychosoziale Organisation IPSO", die vom Auswärtigen Amt unterstützt wird. Querees und ihre Mitarbeiter bieten kostenlos Beratungen an, um den Abgeschobenen psychisch zu helfen. Die afghanische Gesellschaft sei von Schamgefühlen regiert. Rückkehrer würden sich als Versager fühlen.

"Sie haben keine Lust mehr auf ihr Leben. Und deshalb interessieren sie sich auch gar nicht für die Gesellschaft hier. Sie versuchen nicht einmal, über ihre Nöte zu reden. Unser Ziel ist es, die Rückkehrer zum Sprechen zu bringen."

In nicht wenigen Fällen vermitteln Querees und ihr Team eine Psychotherapie. Aber viele der Abgeschobenen trauen sich nicht einmal, zu dieser Beratung zu gehen.

Schwierige Sicherheitslage

Viele wagen sich tagelang nicht aus dem Haus, weil sie Angst vor Anschlägen haben. Die haben vor allem in Kabul in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Regierung hat nicht mehr die Kontrolle über ganz Afghanistan. 14 Prozent des Landes werden von Extremisten kontrolliert, auf über 30 Prozent afghanischen Bodens gibt es Kämpfe.

Experten sagen, die Taliban würden in über 70 Prozent des Landes eine deutliche Kontrolle ausüben. Sie lehnen Friedens- und Waffenstillstandsangebote ab und verschärfen ihre Angriffe auf Regierung, Sicherheitskräfte, Bezirks- und Provinzzentren. Der so genannte Islamische Staat verübt schwere Anschläge in urbanen Zentren.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Juli 2018 um 13:22 Uhr.

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