Deutsche Abhörsoftware für Ägyptens Geheimdienst?

Geheime Akten in Kairo gefunden

Deutsche Abhörsoftware für Ägyptens Geheimdienst?

Unter den Dokumenten, die Aktivisten der ägyptischen Demokratiebewegung in der Zentrale der Staatssicherheit in Kairo fanden, ist auch ein Angebot aus Deutschland: Die auch in München sitzende Firma Gamma stellte dem Geheimdienst im Juni 2010 eine Überwachungs- und Abhörsoftware vor.

Von Esther Saoub, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Demonstranten sichten Akten im Staatssicherheitsgebäude in Kairo. (Bildquelle: dapd)
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Nach der Erstürmung des Gebäudes der Staatssicherheit in Kairo am 5. März sichten Mitglieder der Opposition Dokumente und Akten.

Der Briefkopf der ägyptischen Staatssicherheit zeigt einen Adler, der ein Auge in den Klauen hält: Beobachtung wird groß geschrieben - das zeigt auch die mintgrüne Akte, die der Arzt und Aktivist Mustafa Hussein aus der Kairoer Zentrale der Staatssicherheit mitgenommen und auch als Kopie ins Netz gestellt hat.

Hussein wollte die Dokumente lieber selbst der Staatsanwaltschaft übergeben, denn es geht darin um die Überwachung von Computerkommunikation - also um das Herzstück der Demokratiebewegung. Die Akte enthält nur wenige Seiten Papier, die ersten tragen den Vermerk "streng geheim".

In einem Memo beschreibt die Abteilung Technologie und Information der Staatssicherheit das Angebot der international operierenden und auch in München ansässigen Firma Gamma. Die Firma, so heißt es, sei spezialisiert auf "Sicherheitsprogramme und Geräte zum Eindringen in elektronische Briefkästen". Eines ihrer besten Produkte sei ein Programm mit dem Namen "Finfisher". Man habe bereits eine kostenlose Probeversion samt Laptop erhalten. Sie führe die "vielfältigen Möglichkeiten zum Eindringen in E-Mails" vor.

Kopie eines Angebots für Spionagesoftware
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Blick auf die Kopie des Angebots der Firma Gamma an die ägyptische Staatssicherheit.

Paketpreis: knapp 390.000 Euro

Im Weiteren wird ausgeführt, dass Yahoo-, Gmail- und Hotmail-Adressen überwacht, Skype-Telefonate aufgezeichnet und sogar Räume beobachtet und abgehört werden könnten, in denen sich Laptops mit Mikrofon und Kamera befinden. Der Preis des Pakets wird mit knapp 390.000 Euro angegeben. Datum des Schriftstücks ist der 1. Januar 2011.

Davor lag ein Briefwechsel zwischen der Abteilung für Technologie und der für Finanzen innerhalb der Staatssicherheit zum Angebot der Firma Gamma - übermittelt am 29. Juni 2010 durch ihren ägyptischen Partner MCS. Auf zwei Seiten werden Hardware und Software namens FinSpy und FinFly aufgelistet, dazu ein Training für 24 Personen und ein Wartungsvertrag über zwei Jahre.

Trojaner für die Staatssicherheit

Auf der Webseite der Münchner Firma Gamma wird das System "Finfisher" als "Regierungs-Sicherheits-System" angepriesen. Die Firma bietet auch hier Kurse für das Eindringen in fremde Netzwerke an, in der Fachsprache "IT-Intrusion" genannt.

Es handelt sich bei dem Angebot für die ägyptische Staatssicherheit also um einen sogenannten Trojaner, ein Programm, das - einmal in fremden Computern installiert - deren sämtliche Aktivitäten überwachen kann.

Akte "Finfisher" liegt beim Staatsanwalt

Das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik führt seit einiger Zeit den Paragraphen 202c, der es Privatpersonen ausdrücklich verbietet, Computerprogramme zu entwickeln oder zu verkaufen, die den Zugang zu Daten ermöglichen, "die elektronisch nicht unmittelbar wahrnehmbar gespeichert", sprich: privat sind. Hier in Ägypten liegt die Akte "Finfisher" inzwischen beim Staatsanwalt. Dessen Münchner Amtskollege wird sich vielleicht ebenfalls bald mit dem Vorgang beschäftigen.

Stand: 06.03.2011 20:22 Uhr

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