Nigerianische Geldscheine | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Nigeria Millionen für die Ärmsten

Stand: 08.08.2018 01:50 Uhr

Gut zwei Milliarden Euro soll Nigerias Ex-Diktator Abacha ins Ausland geschafft haben. Ein Teil wird jetzt an die Bevölkerung verteilt. Die einen sehen darin einen Segen, die anderen nur Symbolpolitik.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Rabat

Ramatu Usman sitzt in einer Wellblechhütte in Gwagwa, einer Siedlung am Stadtrand von Nigerias Hauptstadt Abuja. Bis vor kurzem wusste sie nicht, wie sie den nächsten Tag überleben soll - doch seit ein paar Wochen ist Ramatu stolze Kleinstunternehmerin. "Das hier sind meine beiden Ziegen", erzählt sie. "Ich habe sie im letzten Monat kaufen können, eine von ihnen hat gerade Nachwuchs bekommen."

Ramatu verkauft Ziegenmilch auf dem Markt, vom Erlös kann sie ihre drei Kinder ernähren, die Ziegen finanzieren und außerdem noch auf der Straße mit Seife und Gewürzen handeln. Wie lange das gut geht, weiß sie nicht - momentan ist es besser als nichts.

Umgerechnet zwölf Euro in bar

Ramatu gehört zu den Hunderttausenden Menschen in Nigeria, die vom Staat ab sofort 5000 Naira erhalten - also rund zwölf Euro, bar auf die Hand. Ramatu profitiert damit von einem Teil der Milliarden, die der frühere Militärdiktator Sani Abacha bis zu seinem Tod 1998 an der Zentralbank vorbei außer Landes geschafft hatte - auch auf Konten in der Schweiz.

Umgerechnet rund 270 Millionen Euro geben die Eidgenossen derzeit zurück, und unter Aufsicht der Weltbank wird dieses Geld an die Ärmsten der Armen verteilt. So lange, bis eben keins mehr da ist. Damit würden Jobs geschaffen, schwärmt Maryam Uwais. Im Auftrag von Nigerias Präsident Muhammadu Buhari koordiniert sie die Verteilung der so genannten "Abacha-Beute" in allen 36 Bundesstaaten.

Armutsbekämpfung...

"Hier geht es um Armutsbekämpfung", sagt Uwais. "Die Leute brauchen nur ein bisschen Kapital, damit sie ein kleines Business starten können, damit sie und ihre Kinder besser essen, damit sie Medikamente kaufen können. Es macht ihnen Mut, wenn sie nicht betteln müssen - umso besser für unser Land."

Menschen gehen eine Straße entlang | Bildquelle: APTN
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Die Mehrzahl der Nigerianer lebt unter der Armutsgrenze.

Was für die einen klingt wie ein wahr gewordenes Märchen der Wohltätigkeit, der Versöhnung mit der düsteren Geschichte des Landes, ist für den Aktivisten Mohammed Jamo Yusuf nichts anderes als eine symbolische Geste, mit der Staatsversagen kaschiert werden soll.

.. oder ein billiges Wahlkampfmanöver?

"Die Regierung sollte lieber mal in die marode Stromversorgung investieren, in die Infrastruktur - da wäre viel zu tun", schimpft Yusuf. "Den vielen Jugendlichen ohne Arbeit, ohne Perspektive, denen bringt das bisschen Cash überhaupt nichts."

Weit über 80 Millionen Menschen, also fast die Hälfte der Nigerianer, sind arm, leben also von weniger als 1,60 Euro am Tag. Um diese Menschen, so der Vorwurf von Yusuf, habe sich Nigeria bislang nicht gekümmert, obwohl das Land auch dank seines Ölreichtums als eine der stärksten Volkswirtschaften Afrikas gilt.

Das Problem der Korruption bleibt

"In Nigeria gibt es nur ein einziges staatliches Krankenhaus - und das ist immer überlaufen", beklagt Auwal Musa von Transparency International Nigeria. "Warum nicht einfach dieses Geld nehmen und sechs neue Krankenhäuser bauen? Oder eine vernünftige Wasserversorgung für die Slums? Stattdessen machen sie den gleichen Fehler wie damals nach dem großen Ölboom - in den 1970er-Jahren haben sie auch einfach Geld verteilt, nichts investiert. Das Geld ist praktisch verdunstet, es hat mehr Korruption gebracht, aber keine Jobs. Wie sollen die Leute denn jemals aus der Armut rauskommen?"

Der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari
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Präsident Buhari will wiedergewählt werden.

Im nächsten Frühjahr wird in Nigeria ein neuer Präsident gewählt - Muhammadu Buhari will wieder antreten. Die 270 Millionen Euro aus der Abacha-Beute könnten sich als gezieltes Wahlgeschenk entpuppen, fürchtet Musa: "Was seine Regierung nun versucht, ist Folgendes: Sie verteilt zu Beginn des Wahlkampfs schnelles Geld unter den armen Menschen in diesem Land. Das ist durchschaubar, aber es ist nicht nachhaltig."

Nigerianische Regierungen hätten die Rolle des Robin Hood noch nie glaubwürdig gespielt, erklärt Musa. Außerdem: Schon in der Vergangenheit seien andere Teile der Abacha-Milliarden aus der Schweiz zurück nach Nigeria geflossen. Niemand wisse genau, was damit passiert sei.

Nigeria: Diktatoren-Millionen für die Ärmsten
Alexander Göbel, ARD Rabat
07.08.2018 21:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. August 2018 um 05:05 Uhr.

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