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Forscher stellen synthetische Blutkörperchen vor

Ein neues Gesicht mit weniger Narben

Wer Verbrennungen oder eine schwere Verletzung erleidet, behält oft schmerzhafte Narben zurück, denn die Behandlung zerstörter Haut ist schwierig - vor allem im Gesicht. Beim Jahrestreffen der Forschungsorganisation AAAS wurde ein Verfahren vorgestellt, das die Behandlung revolutionieren könnte.

Von Silke Hasselmann, MDR-Hörfunkkorrespondentin Washington

Eines Nachts 2009 geriet ein amerikanischer Militär-Konvoi in der Nähe von Kabul in einen Bombenanschlag. Bei Sergeant Todd Nelson hinterließ er klaffende Wunden. Die Hitze der Explosion verbrannte zudem seine Kopfhaut und sein Gesicht vollständig - und zwar alle drei Hautschichten. Sechs Stunden dauerte es bis zum medizinischen Stützpunkt. Es ist ein Wunder, dass er überlebt hat.

Noch werden Technologien aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs genutzt

Todd Nelson (rechts) und Robert Hale
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Todd Nelson - hier mit Robert Hale vom Forschungszenrum der US-Army. Ein Verfahren, wie es jetzt vorgestellt wurde, hätte ihm helfen können.

Heute hat Todd Nelson wieder ein Gesicht, einen Hals, Kopfhaut. Er ist seinem Arzt im US-Army-Forschungszentrum für die Gesichtswiederherstellung zutiefst dankbar dafür, sagt er - auch wenn er nach 40 Operationen etwas gespenstisch aussieht: "Meine Nase stammt von meiner Stirn, meine Wangen kommen von meinen Schultern. Meine obere Kopfhaut stammt von Körperteilen, die ich hier nicht erwähnen will und ist papierdünn."

Er hat viele Narben, die noch immer schmerzen, weil die transplantierte Haut über die Zeit schrumpft. Und doch sei es das beste, was man derzeit medizinisch erreichen könne, sagt Todd. Hautgewebe wiederherzustellen oder zu reparieren ist schwierig. Auch in den USA nutzen sie noch immer Technologien aus dem Zweiten Weltkrieg.

Mit synthetischen Blutkörperchen gegen Narben
S. Hasselmann, ARD Washington
16.02.2013 09:17 Uhr

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Der Blutgerinnung auf die Sprünge helfen

Nelson ist ein Extrem-, doch kein Einzelfall. Fast die Hälfte der in Irak oder Afghanistan verletzten US-Soldaten leidet unter erheblichen Schäden an Kopf, Nacken oder Hals - und fast immer spielt dick vernarbte Haut eine Rolle.

Nun hat Professor Thomas Barker aus Atlanta synthetische Blutkörperchen entwickelt, die auch zivilen Opfern von Verkehrsunfällen, Bränden und Schießereien Hoffnung machen können. Wenn seine Arbeit an synthetischen Blutkörperchen so gut weiterlaufen wie bisher, sei für sie Linderung in Sicht, sagt Barker.

Jahrestreffen der AAAS
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Beim AAAS-Jahrestreffen wurde das Verfahren mit synthetischen Blutkörperchen vorgestellt.

"Das Projekt begann während der Kriege, in denen Soldaten mitunter so schwer verletzt werden und derart weit weg sind von einem medizinischen Stützpunkt, dass wir uns fragten: 'Was können sie tun, um ihre Blutungen schneller zu stoppen und das auf eine Weise, die es den zerfetzten oder verbrannten Hautschichten ermöglicht, mit weniger Narben zu heilen?'" Die Idee: die offenen Adern und Äderchen versiegeln und der Blutgerinnung auf die Sprünge helfen.

Zwar weiß sich der menschliche Körper mit allerlei Proteinen, Polymeren und Enzymen zu helfen, wenn er blutet. Doch Parker und seine Kollegen von Georgia Tech wollen mit eigens designten Blutkörperchen diesen Gerinnungsprozess ankurbeln und ihn gleich am Anfang auf das richtige Gleis setzen, um eine spätere Narbenbildung zu vermeiden.

Vorbeugend, ohne dass etwas schief zu gehen droht

Dafür werden die winzigen Hydrogel-Strukturen in den Blutkreislauf gespritzt, wo sie sich dehnen und in einen dünnen Film wandeln, der beim Schließen der Blutgefäße hilft, wie Professor Barker erklärt. "Eine Voraussetzung für das Design war, dass sich der Soldat etwas zuführen können soll, ohne dass er wissen muss, wo er blutet oder auch nur ob er blutet."

Man könne es sich vorbeugend verabreichen, ohne dass etwas schief zu gehen droht. Denn die synthetischen Blutkörperchen verhalten sich völlig ruhig und werden erst aktiv, wenn sie erst bei einer Verwundung die nötigen Signale erhalten. "Andere Variante: Die Soldaten bekommen ein von uns entwickeltes Gerät in der Größe eines iPhones mit. Nach einer Explosion können sie sich die Lösung damit über den Unterleib in den Blutkreislauf spritzen", erklärt Barker.

Der Wissenschaftler glaubt, dass das Gerüst des allerersten vom Körper gebildeten Blutgerinnsels das Verhalten anderer Zellen beeinflusst, die in den nächsten Wellen mit Spezialaufgaben betraut sind. Könnte man dieses Ursprungsgerüst zu einem dreidimensionalen Gerinnsel modifizieren, wäre es in der Lage, Hautgewebe zu erneuern oder zu reparieren.

"Wir mindern den Blutverlust um 40 Prozent"

Thomas Barker
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Nennt die Tests "ziemlich vielversprechend": Professor Thomas Barker.

Kritiker fürchteten am Anfang, dass die künstlich gepushte Gerinnung zum Verklumpen des ganzen Blutes und somit zu tödlichen Thrombosen führen könne. Das stimmt, sagt Professor Barker. Aber dagegen hätte sein Team Antikörper entwickelt. Seit August laufen Laborversuche mit Ratten - und Barker ist optimistisch: "Die Gerinnung braucht 30 bis 40 Prozent weniger Zeit. Wir mindern den Blutverlust um 40 Prozent. Ziemlich vielversprechend!"

Nun wollen sie das Verfahren bei größeren Tiere testen und arbeiten auch mit dem schon  erwähnten Forschungszentrum der US-Army in Houston zusammen, wo sich "eine riesige Abteilung nur mit Blutgerinnung befasst, damit die Soldaten nicht mehr verbluten oder schreckliche Narben zurückbehalten", wie Tom Barker berichtet. Doch auch das zivile Nationale Gesundheitsinstitut NIH fördert seine Forschung und erhofft sich unter anderem eine Anwendung für Menschen mit Blutgerinnungsstörungen wie Hämophilie.

Dieser Beitrag lief am 16. Februar 2013 um 15:49 Uhr auf NDR Info.

Stand: 16.02.2013 16:25 Uhr

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